Der Opferkult, Ahnen und Wissen

Bildschirmfoto 2014-09-27 um 10.36.04

Offensichtlich ist der Mensch ein Wesen, das grundsätzlich wissen kann, woran es ist. Wenn die Alten Recht haben, dann kommt aus dieser Fähigkeit, wissen zu können irgendwie automatisch ein Wunsch, auch möglichst alles wissen zu wollen.
Kleine Kinder fragen ihren Eltern Löcher in den Bauch, weil sie ihre kleine Welt erklärt haben möchten. Sie würden nicht fragen, wenn in ihnen nicht eine Ahnung schlummerte, dass sie die Antworten auch verstehen können.
Otto Liliental baute seine ersten Fluggeräte nicht nur, weil er unbedingt fliegen wollte. Er baute sie auch, weil in ihm eine Ahnung war, dass er es irgendwann einmal können würde.
Heute basteln wir an der Idee, ins Weltall zu rasen und die Grenzen der Geschwindigkeit zu überwinden. Wir würden diesen Aufwand gar nicht erst treiben, wenn sie keine Ahnung befeuerte, dass da später mal was möglich wird. Die Ahnung kann sich täuschen, sie ist ja nur eine Ahnung. Aber wie realistisch sie auch sein mag, sie ist eine enorme Triebkraft, die ganze Batterien voll laufen lässt zum Aufstehen nach jedem Fall. Der Mensch ist also nicht nur einer, der aus Wissen handelt. Er tut es auch aus seinen Ahnungen heraus, und die sind immer irgendwie dunkel.

Ich schreibe das alles, weil ich im Zusammenhang mit dem religiösen Opfer auf etwas hinaus will, was selten bedacht wird. Die alten Lehrer der Christenheit aber haben es sehr deutlich gesehen, und es ist nicht ganz unwichtig, es zu erwägen. Die ganze Sache der Menschen mit den religiösen Opfern scheint mir nämlich ein Treffen von Wissen und Ahnen, vom Gehen auf guten Pfaden und auf gewaltigen Holzwegen zu sein.
Die Ahnungen sind von anderer Art als das Wissen. Ahnungen sind weniger konkret und noch weniger sicher, was zum Beispiel Einzelheiten angeht. Man kommt nach Hause, irgendwas ist gewesen, man weiß aber noch nicht was, ahnt aber mit Sicherheit: Hier stimmt was nicht. Man erkundigt sich aus der Sicherheit der noch unsicheren Ahnung. Diese treibt zum konkreten Handeln, und weil die Ahnung unsicher ist, kann das Handeln einen auf den Holzweg führen. Das Ahnen geht dem Wissen voraus. Vorsichtige Leute würden vermutlich vom Handeln abraten, man ist ja noch nicht sicher.

Ein Blick in die Funde der Wissenschaft zeigt, die Menschen haben in Sachen religiösen Opfern schon immer was geahnt. Die ältesten Funde zeigen Beilagen in Gräbern. Man gibt den Toten nichts zu Essen auf dem Weg, wenn man nicht zumindestens ahnt, dass sie auch nach dem Ableben noch etwas damit anfangen können. Kritiker werden sagen, das waren die großen, frühen Holzwege, auf denen die Menschen sich tummelten. Dass da aber so etwas wie eine sichere Ahnung war, lässt sich kaum leugnen.
Auch später haben die Menschen immer irgendwelche Altäre gehabt, sie hatten wohl immer auch so etwas wie Priester, die zwischen einer sichtbaren und unsichtbaren Welt zu vermitteln suchten. Ich will hier jetzt gar nicht sagen, ob und wie weit das alles richtig war oder daneben lag. Vermutlich war immer von beidem etwas dabei, und so ging es den Leuten offenbar immer.

Übrigens: Die primitive Religionskritik, der wir in diesem neuen, nervösen Atheismus begegnen, macht den Leuten weis, die Religionen verlangten immer ein kritikloses Hinnehmen der Opferkulte. Der Glaube sei blind, ohne Kritik und ohne Widerspruch. Den verlangten die Religionen. Sie unterschlagen eine Seite der Wirklichkeit, nämlich die Kritik, die lange vor ihnen da war. Und das ist die Kritik aus den Religionen selbst. Sie müssen diese Unterschlagungen machen. Schließlich haben sie sich herabgelassen, eine Art Kriegspropaganda für ihre Sache zu machen. Kriegspropaganda muss den Gegner schlechter lügen, als er ist. Das Fußvolk kämpft schließlich ja nicht gern gegen Feinde, die es irgendwie noch in Ordnung findet.
Die Wirklichkeit schaut aber stehts anders aus als die Propaganda, und die große Kritik an den Opfern kam schon immer aus den Religionen selbst. Es war schon immer ein tastendes Hin und Her. Auf der einen Seite stand der große Opferkult, der sich aus der Ahnung entwickelt hatte. Auf der anderen Seite sprach der große Strang der Kritik, und es waren die großen Propheten und Denker, die in die Kulte riefen, Gott habe kein Gefallen an Schlacht- und Brandopfern.
Eigentümlich ist, dass die innerreligiöse Aufklärung offenbar dafür gesorgt hat, dass die großen Kulte des Opferns ein allgemeines Ende gefunden hat. Weder bei den Juden, noch bei den Christen werden noch Tiere geschlachtet und der Gottheit Gaben aus den Ernten dargebracht.

Hier setzt der heilige Thomas an, wenn er das Opfer Christi zum Thema macht. Er sieht in den Opfern der Vorzeit wohl das Ahnen, und in den Kulten Zeichen, die aus der Dunkelheit der Ahnung wohl wirkliche Zeichen für etwas gewesen war, was man noch nicht hatte wissen können. Erst mit Christus sei das letzte und endgültige Wissen auf die Welt gekommen, nämlich dadurch, dass Gott selbst seine Kinder aufgeklärt hat. Die Kulte waren nie ganz richtig und nie ganz falsch. Die christliche Gelehrsamkeit nannte sie sogar in gewisser Weise „Sakramente“, sofern sie nämlich äußere Zeichen für innere, heilige Zusammenhänge waren. Die Sündenböcke konnten zwar nicht wirklich Sünden wegnehmen. Sie konnten aber Zeichen für das sein, was einst würde wahr werden können. Gott hat immer schon mit Freuden verziehen, aber erst das Lamm Gottes, auf das Johannes, der letzte der Propheten zeigte, trug wirklich aus der Welt, was in ihr nie etwas zu suchen hatte.

Quellen:

Sth III, 8, 3 arg 3: „Praeterea, sacramenta veteris legis comparantur ad Christum sicut umbra ad corpus.“

Sth III 61, 4, co: „Respondeo dicendum quod, sicut antiqui patres salvati sunt per fidem Christi venturi, ita et nos salvamur per fidem Christi iam nati et passi. Sunt autem sacramenta quaedam signa protestantia fidem qua homo iustificatur. Oportet autem aliis signis significari futura, praeterita seu praesentia, ut enim Augustinus dicit, XIX contra Faust., eadem res aliter annuntiatur facienda, aliter facta, sicut ipsa verba passurus et passus non similiter sonant. Et ideo oportet quaedam alia sacramenta in nova lege esse, quibus significentur ea quae praecesserunt in Christo, praeter sacramenta veteris legis, quibus praenuntiabantur futura.“

Advertisements

2 Kommentare zu “Der Opferkult, Ahnen und Wissen

  1. So jetzt gibts mal einen kleinen Seitenhieb:

    Kriegspropaganda muss den Gegner schlechter lügen, als er ist. Das Fußvolk kämpft schließlich ja nicht gern gegen Feinde, die es irgendwie noch in Ordnung findet. Die Wirklichkeit schaut aber stehts anders aus als die Propaganda[.]

    Da weiß jemand, wovon er spricht… 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s