Das große Universum und der kleine Mensch

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Da war es wieder, dieses Argument, das eigentlich gar keins ist. Ich werde den, der es so oft ausruft, wie Marktschreier ihre Wurst anpreisen, jetzt nicht mehr beim Namen nennen, um seine Torheit am Ende nicht bloß zu stellen. Vielmehr werde ich ihn künftig den Herrn Vogel nennen.
Also zum Argument. Der Vogel sagt: Die Erde ist ein Planet von Abermilliarden. Sie liegt in einem abgelegenen Teil des Universums, in einem von Zigmillionen Sonnensystemen. Auf diesem unbedeutenden Planeten haben sich tausende von Tieren entwickelt, von denen zufällig eine jetzt „Mensch“ heißt. Bei dem hat sich nun der Verstand entwickelt, den wir gerade haben. Dieser Mensch wird kosmisch gesehen bald ebenso Geschichte sein, wie die nächstbeste Pflanzenart, die sich heute entwickelt und morgen wieder verschwindet.
Das Argument lautet jetzt: Wie kann sich der Mensch einbilden, ausgerechnet er stehe derart im Mittelpunkt vom Ganzen, dass ein allmächtiger Gott sich für seine Rettung hingibt?
Wir sollten uns über diese und andere Anfragen Gedanken machen. Der Vogel aber hat diese aber gar nicht als Frage gestellt, sondern ihre negative Antwort vorweg genommen. Er sagt, man müsse doch ziemlich dumm sein, an solche Sachen zu glauben. Sein „Argument“ soll ihm als Argument gegen das religiöse Glauben dienen, und das ist nicht sehr gescheit.

Also erst einmal darüber. Unser Vogel gehört zu den sogenannten „neuen Atheisten“. Manche nennen sie die „aggressiven“, ich nenne sie schon mal die „nervösen“ Atheisten. Den Namen „aggressive Atheisten“ haben sie von Richard Dawkins, der einmal in einem Interview mit dem Spiegel, gesagt hat, er empfehle nicht nur Atheismus, er empfehle sogar einen militanten Atheismus.
Dawkins ist Biologe, und ich würde nun nicht meinen, er will, dass man bei den Gläubigen auf den Straßen Geiseln nimmt, um im Vatikan oder im Zentralrat der Muslime Zwangsabsagen an die Religion zu erpressen. Eine kurze Recherche zeigt, wie er es offenbar gemeint hat: Man möge mit allen, theoretischen Mitteln den religiösen Glauben kämpfen; wohl im Sinn einer Art wissenschaftlichen Widerlegung.
Damit aber wird die Sache wieder komisch. Dass die Wissenschaft nicht die Mittel hat, ist hoffentlich schon deutlich geworden, wir brauchen hier nicht weiter zu überlegen. Angesichts der Tatsache, dass wohl nicht weniger seriöse Wissenschaftler gläubig wie ungläubig sind, können wir uns anderen Problemen zuwenden.
Es gibt Leute, die können nicht schlafen, wenn der Nachbar sich einen Bart wachsen lässt, was  schon ziemlich verrückt ist. Was aber soll man denken, wenn einer keine Ruhe findet, weil in seiner Straße jemand einen Gott für seine kranke Oma bittet?
In Korea landet man im Knast, wenn man beim Gottesdienst erwischt wird. Im Iran droht einem der Strick, wenn man den Islam aufgibt. Diese Gegner haben eine handfeste Ideologie. Was dagegen die nervösen Atheisten zu bieten haben, entzieht sich bislang meiner Kenntnis. Ich gebe zu, die Religion macht aus den Menschen selten bessere Leute, und Nietzsche hatte wohl nicht ganz Unrecht, wenn er sagte, wirklich religiöse Leute seien in den Religionen eher eher Seltenheiten. Aber das der Unglaube einen besser macht, dafür dürften auch die Beweise fehlen.

Aber sei’s drum, sehen wir uns das Argument an. Das Grundproblem ist fast immer das selbe: Wir sprechen über verschiedene Dinge, während wir die gleichen Worte gebrauchen.
Ich glaube nun wirklich, Gott hat das ganze Universum geschaffen. Er ist es auch, der jedem Staubkörnchen mit größter Aufmerksamkeit sein Dasein schenkt, so lange es da ist. Er genehmigt, wenn man so möchte, jeden Herzschlag einzeln.
Nur, wenn wir so vom Allmächtigen sprechen, dann sollten wir den Allmächtigen auch meinen. Die Bibel schildert uns die Gottheit als eine, die die Welt ohne jede Mühe ins Leben rief. Da steht, Gott sprach, es werde Licht und es wurde Licht. Das bedeutet, er schafft alles nur mit Gedanken. Das ganze Universum hell zu machen kostet ihn genau so wenig Mühe, wie wenn er die Hälfte dunkel lässt. Ein Universum am Leben erhalten kostet ihm genau so wenig, wie hundertzwanzig Paralleluniversen zu beschäftigen.
Als die reuige Frau zu Jesus kam und ihm mit überteuertem Nardenöl die Füße salbte, da schauten alle zu. Nur die Stimme des Judas aus der zweiten Reihe moserte mit der Frage, ob es die Hälfte Öl nicht auch getan hätte. Natürlich, Recht hatte er. Nur hatte er immer noch nicht verstanden, bei wem er hier gelandet war. Hier saß der Schöpfer im Haus, der jederzeit einen ganzen Pool voll teurem Öl hätte volllaufen lassen können, ohne die geringste Mühe. Die Frage ist lächerlich, wenn sie an den Allmächtigen geht. Gott musste natürlich nicht das ganze Universum in Milliarden von Jahren aufziehen, um ein geliebtes Kind dort aufwachsen lassen zu können. Er hätte auch einen einzigen Planeten irgendwo fertig hinstellen oder sonst eine kleine Bühne aufbauen können. Er hat aber offenbar seine Freude an genau diesem, großen Schauspiel. Dass es so groß ist und wir so klein, spricht überhaupt nicht gegen seine Existenz. Nicht, wenn wir denken, was wir zu denken haben, wenn wir Gott sagen. Soll ich ehrlich sein? Dass Gott mich in seinem großen Universum sieht und erhält, das ist keine Denkschwierigkeit, das tut er auch mit der Katze meines Nachbarn. Dass er uns in der Welt will und nicht ins Nichts versinken lässt, kann ich auch einigermaßen durchrechnen. Wenn wir den Gottesnamen aber ernst nehmen, dann kann Gott auch bei zigmilliarden Menschen jeden am allerliebsten haben. Dass ich da angesichts meiner Blödheiten nicht rausfalle, das macht mir schon eher Schwierigkeiten. Aber die sind von anderer Art, und davon ist ja im Moment nicht die Rede.

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3 Kommentare zu “Das große Universum und der kleine Mensch

  1. Ja, sehe ich auch so: Dass die „neuen Atheisten“ das, was sie bekämpfen wollen, irgendwie so ganz und gar nicht verstehen. Wenn irgendwann irgendwo ein Theist gesagt hätte „Guck, das Weltall um uns herum ist ganz schön klein, kein Wunder, dass wir Gott so wichtig sind…“, dann wäre ihre Kampfansage ja nicht von vorneherein so hoffnungslos. Aber die Art und Weise, wie sie im Prinzip nur undurchdachte und unwahre Klischees gebrauchen, um ihre Feinde darzustellen, ist einfach peinlich.

    Ein anderes Beispiel ist das fliegende Spaghettimonster, welches auch parodistisch auf jeglichen Gottesglauben abzielt, das Ziel aber vollkommen verfehlt. Eine (gute) Parodie oder Karikatur zeichnet sich darin aus, dass die Eigenheiten von etwas auf den Punkt gebracht und überzeichnet werden. In der Darstellung des Spaghettimonsters zeigt sich eigentlich nur, wie wenig die „Parodisten“ das, was sie gern parodieren würden, eigentlich verstanden haben. Im Grunde parodieren sie damit nur ihre eigene, traurige Sicht der Dinge.

    Ich bin für Parodien, aber bitte nur von Dingen, die man parodieren kann, weil man sie tatsächlich kennt.

  2. Noch ein passendes Zitat: Chesterton schreibt hier zwar über (amerikanische) Künstler, aber es passt sinngemäß:
    „The very fact that they think they can defy religion by drinking and smoking shows precisely the only religion they have ever found to defy.“

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