Was macht den Weisen aus?

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Ich würde eine Wette machen: Man stelle sich in einen willkürlich gewählten Kreis von deutschen Mitbürgern und schlage vor, kurz über die katholischen Priester zu sprechen. Innerhalb der ersten Minute kommt die Frage, warum sie nicht heiraten dürfen.
Genau so ist es mit dem Empfang der Kommunion. Auch da wird in kürzester Frist gefragt, warum die Leute, die mit zwei Personen verheiratet sind, nicht zur Kommunion gehen können. Die zuerst gestellten Fragen scheinen besonders dringlich zu sein. Aber ist das wirklich so?
Ich arbeite an einer Schule und bin auch jetzt wieder so gut wie auf dem Weg dorthin. Einer der Schüler hat gerade ein besonders dringliches Problem: Er braucht unbedingt ein neues Telefon für die Tasche, und das muss dringend ein ganz bestimmtes sein. Die Dringlichkeit ist so groß, dass man den Eindruck gewinnt, es hänge sein Leben daran. Die Lehrer und Eltern sind anderer Meinung. Sie sind sich einig, viel dringlicher als ein Handy braucht der Junge einen Schulabschluss. Der aber scheint ihm ziemlich egal zu sein. Jetzt ist die Frage, was ist wirklich dringend?

Einem Thomasleser fällt hier vermutlich ziemlich schnell das Wort „Weisheit“ ein, und das lohnt sich, kurz angesprochen zu werden. Wer mit Jugendlichen zu tun hat, der ahnt gleich, in der Frage der Dringlichkeit wird es Streit geben. Der Junge wird auf seinem Wunsch bestehen und die Eltern werden ihm vergeblich die größere Wahrheit sagen: Der Schulabschluss ist entscheidender. Es wird nicht lange dauern, dann ist das Handy so unwichtig wie das Pausenbrot, das er heute verputzt. Wir sagen, die Eltern haben einfach den größeren Überblick. Sie sehen das Ganze und kommen von daher zu einer anderen Einschätzung. Dem gesunden Menschenverstand folgend werden wir sagen, der Junge tut gut daran, auf die Alten zu hören. Er selbst kann die Dinge noch nicht richtig einordnen und er weiß noch nicht, was wirklich wichtig ist.
Unsere Denkgewohnheit stößt hier auf gewisse Schwierigkeiten, weil wir in Mehrheiten denken. Es gibt eine naive Auffassung von der Demokratie, in der die höheren und weiteren Wahrheiten nichts zu sagen haben. Geht es nach Grönemeyers „Kinder an die Macht“, dann gibt es keine Schulabschlüsse, sondern es wird Handys regnen.

Wenn wir aber erst einmal beim Aquinaten bleiben wollen, dann klingen die Dinge etwas anders. Er hält sich an zwei seiner Grundsätze. Er versucht zum einen das Ganze im Blick zu haben und definiert ein Ziel, um überhaupt sagen zu können, wohin die ganze Reise geht.
Ein klassisches Beispiel. Gibt jemand ein Haus in Auftrag, dann braucht er zunächst einen, der den ganzen Plan versteht, der sich mit den verschiedenen Handwerken auskennt und der zur rechten Zeit die richtigen Leute einstellt. Der Maurer muss nur mauern können und braucht nicht unbedingt wissen, wann der Dachdecker bestellt werden muss. Der Chef am Bau aber muss über das ganze den Überblick haben und wissen, worauf es hinaus soll. Er wird die Dinge koordinieren. Genau den nennt Thomas den Weisen. Dem Weisen kommt es zu, die Dinge zu ordnen, schreibt er.

Wenn wir uns die Sache mit den Priestern vornehmen, dann ist die Frage, ob sie heiraten sollen, natürlich von gewisser Bedeutung. Erst einmal sollte es vielleicht aber um die Frage gehen, wozu sie überhaupt da sind, wo sie im Gefüge des Ganzen ihren Platz haben und was ihre Bedeutung ist.
Thomas spricht in seinem Kapitel über die Eucharistie freilich auch über die Priester und nennt sie dort die „Diener dieses Sakramentes“. Das tut er aber, nachdem er lange vorher und an ganz anderer Stelle bereits über das Priestertum als solches geschrieben hat, und dieses macht sich zunächst nicht an den Menschen allein fest, sondern dort, wo die Gottheit und die Menschheit sich begegnen.
Das Phänomen Begegnung in den Focus der Überlegungen zu stellen, ist eigentlich ein ziemlich moderner Gedanke. Man spricht gern über das dialogische Geschehen, also von der Begegnung, in dem das Leben sozusagen erst beginnen und Bedeutung gewinnen kann.
Dem Mittelalter wird da schon mal vorgeworfen, es habe sich um diese Dinge zu wenig gekümmert. Wenn ich aber richtig sehe, stimmt das nicht. Beim heiligen Thomas ist sehr wohl die Begegnung zwischen Mensch und Gott die entscheidende Sache. Er unterlässt es allerdings nicht, zuvor die Fragen gründlich in den Mittelpunkt zu stellen, wer es denn ist und sein soll, der sich da begegnet. Wenn man so möchte, schreibt er zunächst einmal ein ganzes Buch über die Gottheit, dann eins über den Menschen, und am Beginn des dritten Werkes führt er die Dinge zusammen, und das an einem ganz konkreten, geradezu winzig kleinen Punkt, bei Christus nämlich, bei dem sich in einem einzigen Entwurf die ganze Gottheit und die ganze Menschheit zusammenfinden; in einer Person, die von den Christen der Welt als Mensch und Gott zugleich verehrt wird. Dieser Gottmensch ist – unter anderem – der Priester schlechthin, und was das bedeutet, sollte sich jeder ansehen, wer über die Eucharistie Bescheid wissen möchte.

Quelle:
ScG 1,1,2: „Sapientis est ordinare.“ Thomas beruft sich auf den Philosophen Aristoteles, der das bereits gesagt hatte.
Sth III,82,pr.: „Deinde considerandum est de ministro huius sacramenti…“

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