Das Phänomen des ganz Neuen

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Es gibt also Probleme, wenn der Schuster nicht bei seinem Leisten bleibt. Ich würde jetzt aber gern eine Sache ansprechen, über die man im täglichen Geschäft eher weniger nachdenkt. Es ist die Sache mit dem ganz Neuen. Natürlich sind uns ganz neue Sachen nicht unbekannt. Jemand kauft sich ein Auto oder ein anderer macht aus Leder einen Stiefel. Beides war vor seiner Herstellung nicht da.
Dennoch: Das „ganz neu“ bekommt hier eine Einschränkung. Natürlich ist das Auto neu, wenn es vom Band läuft und der Stiefel, wenn der Schuster ihn fertig stellt. Für beide, neue Sachen wurden aber alte, gebrauchte Stoffe verwendet.
Der Kunstoff und das Eisen wurden beide irgendwie zusammen gebaut. Die Dinge, aus denen sie sind, waren aber zuvor Bestandteile von etwas anderem. Wenn nicht sie selbst, dann waren ihre Grundstoffe alt.

Eisen besteht aus Atomen, um einmal mit unseren alten Bildern zu sprechen, und Leder auch. Das Tier, von dem das Leder stammt, hat gefressen und getrunken, um aus der Nahrung Leder zu produzieren. Das Eisen im Auto war früher einmal in den Felsen großer Berge eingeschlossen und Bestandteil von Erz. Es musste mühsam von alle möglichen Elementen gereinigt werden. Die Grundstoffe der Grundstoffe sind also alt, wenn man so möchte. Selbst die Moleküle, aus denen wir zusammengesetzt sind, haben unzählige Jahre auf dem Buckel, und irgendwann waren wir mal Sternenstaub. Wirklich neu sind die Dinge also alle nicht, wenn man ihre Grundbestandteile nimmt (die wir übrigens noch gar nicht richtig kennen).
Ein klassisches Beispiel für das nicht ganz Neue, ist das Wasser. Jeder weiß, Wasser besteht aus  Wasserstoff und Sauerstoff. Beide Elemente sind, für sich genommen, nicht nass, aber wenn man sie in einer bestimmten Form zusammensetzt, bilden sie gemeinsam ganz neu das nasse Element Wasser. Was heraus kommt, ist neu, die Bestandteile gab es vorher schon.

Die alte Geschichte, in der das Auftauchen von etwas völlig Neuem beschrieben wird, findet sich bei Christus im Neuen Testament. Jesus zaubert mit Hilfe seiner Wunderkraft Brötchen für viele Leute. Diese waren der Geschichte nach plötzlich da und ganz neu. Das heißt, sie waren nie im Backofen, kein Becker hatte das Mehl für sie bereitgestellt. Es gab dort keine Öfen und keine Wartezeiten. Die Brötchen samt ihren kleinsten Bestandteilen waren nicht dem Molekülemagazin der Welt entnommen worden und nirgends hatte irgendjemand etwas herbeigetragen. Diese Brote waren einfach da und fertig, und die Leute staunten nicht schlecht.

Der Leser wird sich denken, dass es hier Einspruch und Mecker gibt, und zwar von Kritiker mit der Überzeugung, so etwas könne und dürfe nicht sein. Es gibt Leute, die das Universum für eine Art geschlossenes System halten, in dem alles schon vorhanden ist und in das nichts mehr hinein kommt. Unsere Heizung ist auch ein geschlossenes System. In ihm fließt immer das selbe Wasser. Es wird an der einen Seite erhitzt, auf der anderen Seite fließt es durch die Heizkörper und wird wieder kalt. Das System ist zu. Nichts braucht von außen zugeführt werden, außer Energie und hin und wieder der Teil an Wasser, der verdunstet. Beim in sich geschlossenen Universum braucht und kann von außen nichts hinzugefügt werden. Alles ist irgendwie schon da und alles funktioniert in Ursachen, die Wirkungen hervorbringen und die selbst wieder zur Ursache werden. Innerhalb des Systems gibt es eine gewisse Menge Energie, Materie und was sonst noch so existiert, und alles geschieht ohne Eingreifen von Außen, denn ein Außen gibt es gar nicht. Also gibt es nichts wirklich ganz Neues.
Es ist wohl die Rede von relativ neuen Sachen, wie das Wasser aus den Stoffen. Wirklich ganz Neues aber kann nicht erklärt werden.

Anders bei den Gläubigen. Sie sagen, die Welt mag noch so reibungslos funktionieren und geschlossen aussehen, es gibt jede Menge ganz Neues, das in die Welt geschenkt wird, wie die Brote Jesu. Wann immer ein Mensch entstanden ist, wurde mit ihm eine ganz neue Seele in die Welt geschaffen, für die der Schöpfer aus keiner Reserve etwas basteln brauchte. Alles ist frisch an ihr und sie hat mit allem, was sie ist, einen wirklichen Anfang. Jeder Mensch ist eine ganz neue Schöpfung, so der Glaube mit seinen atemberaubenden Gedanken.
Das ganz Neue kann es, wohlgemerkt nur geben, wenn es einen Schöpfer gibt, der es sich ausdenkt und hinein erschafft, und das macht er einigermaßen heimlich. Die neuen Dinge sind einfach neu da, ohne laute Ankündigung, ohne Nachrichten und Sirenen. Es ist einfach da und entwickelt sich mit der Natur, in der es sich plötzlich findet.

Hier gibt es Kritiker, die sagen, das könne nicht sein, die Wunder würden den Naturgesetzen widersprechen. Hier kann ich allerdings nicht ganz mit, weil ich nicht sehen kann, gegen welche. Ich kenne kein Naturgesetz, das die Ankunft von etwas Neuem verbietet, abgesehen davon, dass ich überhaupt kein Gesetz kenne, das etwas verbieten kann. Nehmen wir an, ein Brötchen liegt plötzlich vor unserer Nase, einfach so und aus dem Nichts. Das Ding ist mit seinem Auftauchen wie jedes andere auch in die Gesetze der Natur eingebunden. Es trocknet, wie alle Brötchen, es wird schimmelig, wie alle. Es macht satt oder sorgt für Verdauungsschwierigkeiten, je nachdem. Ich höre bei seinem Auftauchen keinen Widerstand der Natur. Nirgends gibt es eine Anzeige, nirgendwo ein Stöhnen oder eine Beschwerde. Die Natur mit samt seinen Gesetzen steht parat, unzählige Teile sofort in sich aufzunehmen, und ich sehe kein Gesetz, das dem Widerstand leistet.
Die Teilchen der Welt sind nicht abgezählt, und das Universum ist kein Einweckglas, in das nur bestimmte Mengen passen, bis es platzt.
Man verzeihe mir, wenn ich mich weit aus dem Fenster lehne, weil ich nicht viel Ahnung von diesen Dingen habe. Sollte ich mich in allem irren, werde ich alles zurück ziehen. Bis dahin aber sehe ich nicht, wie die Natur das wunderbare Erscheinen ganz neuen Lebens verhindern soll.

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6 Kommentare zu “Das Phänomen des ganz Neuen

  1. Ich frage mich gerade, was eigentlich mit dem Brot passiert ist, das Christus da neu gemacht hat. Das ist ja von den Leuten gegessen und hinterher wieder ausgeschieden worden, dann ist es verrottet, vielleicht hat eine Pflanze durch ihre Wurzeln die Moleküle wieder aufgesaugt, die Pflanze ist geerntet und von einer Frau gegessen worden, die schwanger war und ein Kind zur Welt gebracht hat, dessen Körper dann (jedenfalls teilweise) aus demselben Kohlenstoff bestand, den Christus neu in die Welt gebracht hat! Ist das nicht wundervoll?

  2. Schön dass Du es erwähnst, werter Geistbraus. Aber jedes Molekül ist von Christus in die Welt gebracht, wurde doch ohne das Wort nichts, das geworden ist. Wir können Deinem entzückten Flug hier also noch einen drauf setzen: Die ganze Welt hat diese Romantik. Ist das nicht noch viel wunderbarer?

  3. Wasser besteht nicht aus Stickstoff und Sauerstoff, sondern aus Wasserstoff und Sauerstoff. Und selbstverständlich können beide Elemente bei entsprechenden Temperatur- und Druckverhältnissen flüssig, also nass sein, während Wasser auch fest oder gasförmig sein kann.
    Es gibt in der Tat Probleme, wenn der Schuster nicht bei seinen Leisten bleibt. 😉

  4. Huch wie peinlich! Und ich hatte den Wasserstoff auch noch da stehen. 💡
    Dennoch gilt hier mein quod scripsi. Das Beispiel mit den Bestandteilen für Wasser gilt nicht nur bei mir als einigermaßen klassisches Beispiel für die schwache Emergenz. Ich habs selbst sozusagen nicht ausgedacht. Aber Recht hast Du. Ich sollte die Raumtemperatur vielleicht dazu schreiben und dann wieder zu meinem Leisten zurückmarschieren…

  5. Ich sehe es so: Jesus nahm die Brote, die ihm gebracht wurden, und vermehrte sie. Das Wunder liegt nicht darin, dass hier der Natur etwas quasi von außen hinzugefügt wird, sondern dass Jesus hier das allgemeine Wirken Gottes innerhalb der Natur kanalisiert bzw. sichtbar / „staunbar“ macht. In der Natur vermehrt sich ständig das Korn, dreißig-, sechzig- und hundertfach, und Wasser wird ständig zu Wein: Die Weintraube saugt sich über Wurzeln und Stängel über Monate hinweg voll und die Sonne lässt sie reifen, so langsam, dass man es kaum mitbekommt.
    Jesus kondensiert in seinen Wundern Gottes Wirken: Der Sohn tut, was er den Vater tun sieht. Gott ist der wahre Brotvermehrer und Winzer. Nur macht Jesus es greifbarer.

    Ich gebe zu, dass ich diesen Gedanken von George MacDonald habe.

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