Wäre die Welt ohne Religion besser?

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Was meinen Geschmack angeht, hat mein Vorhaben einen großen Vorteil: Wer an der Hand des heiligen Thomas von Aquin über die Sakramente schreiben will, der braucht nicht viel zur Moral und zur Disziplin zu sagen, weil Thomas das auch nicht macht.
Der Meister schreibt ausführlich über die Ehe, aber so gut wie nichts über unsere Ehefragen. Er schreibt freilich in höchsten Tönen über den Stand der Ehelosigkeit um der Heiligkeit willen, aber so gut wie nichts zum Zölibat. Thomas empfiehlt, häufig zur Kommunion zu gehen, aber über die Sonntagspflicht lässt er sich nicht aus.
Wenn man mir am Ende vorwirft, ich hätte zu diesen Dingen viel zu wenig gesagt, dann kann ich mich hinter den breiten Schultern meines Riesen verstecken.
Der heilige Thomas ist überhaupt kein moralischer Typ, aber wir leben in einer hochmoralischen Zeit. Das gefällt mir nicht besonders, es ist aber so, und wenn ich es recht bedenke, bewahrt mich wohl nur meine spezielle Religion davor, ins Moralinsaure herab zu gleiten.
In der Vorbereitung auf ein Schreiben, das ich zu liefern hatte, musste ich mich vor Tagen einer nicht sonderlich angenehmen Mühe unterziehen. Ich musste mir ein paar Reden von Leuten aus der Giordano Bruno Gesellschaft anhören und in ein Buch von Richard Dawkins schauen. Ich bitte, mir nicht gram zu sein, aber ich halte das für Zeitverschwendung. Die öffentlichen Reden eines Dr. Schmidt Salomon gegen die Religionen haben leider keine Argumente und kein höheres Niveau als ein Stimmenfang auf dem Kirmesplatz. Er posaunt den lieben langen Tag, die Wissenschaft habe den religiösen Glauben doch längst überholt und kann offenbar nicht erklären, wie genau und wo. Man kann trefflich mit ihm streiten, ich fürchte aber, man kann nicht gut mit ihm reden.
Die Bücher von Richard Dawkins mögen sehr gut sein, so lange er sein Fach, die Biologie betreibt und ich ihn vermutlich nicht verstehe. Sobald er aber in das Becken der Philosophie und Religion springt, stößt er sich den Kopf, weil er bei den Nichtschwimmern landet. Seine egoistischen Gene und Meme sind so wissenschaftlich wie die Marsmenschen eines Erich von Däniken.

Die Forderung steht aber im Raum: Die Religionen gehören abgeschafft, damit endlich der Boden für den Frieden in der Welt bereitet werden kann. Die Herrschaften schreiben das in dicken Büchern nieder, versäumen aber zu erklären, wie das alles nach der Abschaffung gestaltet werden soll. Offenbar wollen sie uns alle glauben machen, die Welt würde schon mal ein Stück friedlicher, wenn die Menschen sich nicht mehr um des Glaubens willen umbringen. Ich vermisse dabei allerdings eine Erklärung für die Annahme, man könne den Frieden wie Flickenteppiche aus einzelnen Stücken zusammen nähen. Es soll Leute geben, die meinen, die Welt würde friedlicher, wenn keiner mehr Fleisch isst, wenn alle nur noch Fahrrad fahren oder wenn man das Geld abschafft. Ich habe allerdings wenig Lust, ihre Bücher zu lesen oder länger mit ihnen zu sprechen. Der Mensch, der heute aufhört sich wegen seines Glaubens zu streiten, der schlägt sich morgen für Öl, Macht und Kohle.

Ich persönlich bin mir alles andere als sicher in der Frage, ob es in den sogenannten Religionskriegen je überhaupt um Religion ging. Über Worte kann man streiten. Aber Religion und Politik sind zwei Sachen, die man nicht vermischen kann. Wie Land und Stadt zwei Sachen sind. Ich glaube zum Beispiel nicht an schöne Großstädte. Es gibt wohl schöne, große Städte, aber alles, was ich an ihnen schön finde, ist genau das, was sie aufhören lässt, Städte zu sein. Münster ist eine schöne, große Stadt, weil sie auf’s Ganze gesehen schön grün ist. Ihr Grün ist aber das Grün vom Land. Eine Stadt mag schön sein, wenn sie geräumig ist. Besonders viel Raum hatten wir aber als Kinder in unserem Dorf. Vielleicht würde man eine Wohnung in der Stadt schön finden, wenn es nicht so laut in ihr wäre. Das würde aber bedeuten, dass sie in einem Stadtteil läge, der unserer Dorfstraße gleicht.
Was ich sagen will, die Dinge greifen ineinander, es sind aber zwei verschiedene. So ist es auch mit der Religion und der Politik. Als Christ darf ich mir gestatten zu erklären, dass eine Religion aufhört, religiös zu sein, wenn sie anfängt, sich um politische Wahlen oder um Zolltarife zu kümmern. Christus hat seinem Richter das entscheidende Wort gesagt. Sein Königreich hat seine Fundamente nicht auf Erden, und auch König Herodes hätte sich nach Weihnachten nicht fürchten brauchen.

Wenn ich mir nun vorstelle, ich könnte meine Religion nicht haben, dann glaube ich, könnte ich vor der Moral nicht davon laufen. In meiner Jugend war das so. Die Grünen kamen auf, und wir stritten uns ohne Ende mit den Alten in Fragen der Umwelt. Wir warfen keinen Müll in den Wald, weil man es mit der Erde richtig machen musste. Wir aßen kein Fleisch, weil es aus den verschiedensten Gründen nicht recht zu sein schien. Ich finde es bis heute einigermaßen edel, solche Motive zu haben, ich habe sie allerdings nicht mehr. Ich finde es immer noch widerlich, seinen Dreck in den Wald zu entsorgen. Ich lasse das aber nicht, weil ich glaube, für den Wald verantwortlich zu sein. Ich schätze den Wald vielmehr, weil der Schöpfer ihn lieb hat. „Du sollst nicht stehlen“ steht auch im bürgerlichen Gesetzbuch. Ich unterlasse das Klauen allerdings vor allem deshalb, weil ich vor Gott nicht als Dieb dastehen will.
Ich renne nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil ich etwas richtig zu machen habe, sondern weil ich in meiner Gemeinde bei der Messe zugegen sein will und die Nahrung für meine Seele möchte, die ihr gut tut.
Gott wünscht sich, wir mögen den Nächsten lieben wie uns selbst. Den Übernächsten aber dürfen wir ihm überlassen. Ich finde es herrlich, wenn die Menschen sich in der Gemeinde engagieren, damit das nächste Pfarrfest gelingt. Aber wenn sie es tun, weil sie sich für die Gestaltung der Weltkirche verantwortlich fühlen, dann werden sie mir verdächtig.
Wenn ich heute Freitags kein Fleisch esse, dann sicher wohl auch, weil mir ein Gebot dazu rät. Ich halte aber kein einziges der Gebote, um vor Gott fein da zu stehen oder gar, um in den Himmel zu kommen. Ich halte die Gebote, weil ich Lust habe, dem, der mich wie ein Vater liebt, die Ehre zugeben und weil ich die Eintrittskarte schon in der Tasche habe. Gott hat nichts davon, wenn ich Fisch an Stelle von Fleisch wähle. Aber ich habe sehr viel davon, ihm ans Herz zu wachsen und er mir. Die Welt ist voller Moral, aber meine Religion ist nicht moralisch, und der heilige Thomas ist es schon gar nicht. Wer die Religion abschaffen will, der muss nicht nur etwas besser erklären, warum überhaupt. Er müsste mir auch die Kirche ersetzen, in der ich ohne dauernde Richtigmacherei das Kind meines Schöpfers sein kann.

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6 Kommentare zu “Wäre die Welt ohne Religion besser?

  1. Das Problem ist, daß jemand, der heutzutage gegen die Moralisiererei à la Sonntagspflicht anredet, dies in der Regel aus einem von zwei Gründen tut: entweder weil er nicht will, daß Du am Sonntag in die Kirche gehst, was natürlich bei aller Liebe zur Freiwilligkeit auch nicht geht; oder weil er Dir einen Vorwurf daraus basteln will, wenn Du am Werktag nicht in die Kirche gehen solltest.

    Und ganz ehrlich, ich finde es schon befriedigend, wenn ich wenigstens etwas richtig mache. Und wenn ich einen Vegetarier fragen kann, wo genau denn geschrieben steht, daß Fleischessen verboten ist. 😉 (außer am Freitag natürlich, wenn wir vereinfachen und die heutigen großzügigen Dispensen mal außen vor lassen)

    Bei Gelegenheit zitiere ich noch einen Klassiker von Dávila:

    „Die Ethik begeistert die Ungläubigen, während der Gläubige sich mit der Moral bloß abfindet.“

    • Naja, ich muß sagen, daß ich bei aller Begeisterung über einiges, ja über die meisten Aphorismen, dann doch eine Aussage wie die Folgende für – ohne ihm persönlich zu nahe treten zu wollen – sachlich gesehen genuin unkatholisch halte:

      (ich zitiere sinngemäß) „Wir müssen lernen, weniger unsere Fehler als wegen unsere Existenz zu bereuen.“

      Falsch! Da unsere Existenz gottgewollt ist und gut, ist diese genau das, wofür wir uns nicht schämen müssen, auch wenn wir es für alles andere müßten. Das ist – immer der Sache nach – mindestens so schlimm wie die alte puritanische Natur-Sünde-Gleichsetzung. Und der Sinn des Bußsakraments ist präzise, daß man die Sünden bereut, die Existenz aber nicht, denn die gehört dem, der die Absolution empfängt.

      Also hab ich das mal dazugesagt…

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