Was bedeutet Dummheit?

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Für gewöhnlich wird als dumm bezeichnet, wer ein kleines Hirn hat. Vielleicht auch einer, der  bei aller aufrichtigen Mühe in der Schule am Ende nicht viel vorweisen können. Als dumm gilt also, wer kein rechtes Talent zum Lernen hat.
Ganz anders beim heiligen Thomas von Aquin. Hier ist nicht dumm, wer kein Talent hat, sondern eher, wer sein Talent verstreichen lässt. Dumm ist, wer nicht will, nicht der, der nicht mit kann, und deshalb ist Dumme der Tendenz nach selbst Schuld an der Misere. In der klassischen Auffassung vom Menschen hat die Dummheit also mit Freiwilligkeit zu tun, und der Dumme ist für seine Dummheit und die Folgen verantwortlich.

Im Kapitel der Summe darüber ist die Dummheit eine Stumpfheit des Geistes und der Sinne, die der Dumme zugelassen hat.
Heimito von Doderer hat ihr Gegenteil, die Intelligenz, ebenfalls in die Freiwilligkeit gehoben. Ganz im Sinn des Thomas nennt er die Intelligenz eine Bereitschaft, die Dinge, die sich auftun, an sich heran kommen zu lassen und in sich aufzunehmen. Die Intelligenz scheint so etwas wie eine Art Gastfreundschaft zu sein, die in sich ein Zimmer bereiet für die Dinge und ihre Wahrheit.
Guardini geht in die gleiche Richtung. Auch hier bedeutet Intelligenz wohl eine Bereitschaft, die Dinge wahrzunehmen und sich nicht zu verschließen. 
Thomas leitet die Intelligenz von den Wörtern ab, aus denen sie zusammensetzt ist. Daslateinische „Intus leggere“ würde demnach so etwas wie „in den Dingen lesen können“, bzw. wollen bedeuten.

Bei einem Seitenblick versteht sich nun, warum der Intelligente manchmal einsam ist. Wenn er in den Dingen zu lesen versteht, dann kann er sie auch durchschauen. Wer will nun gern als einer in der Gesellschaft auftauchen, der durchschaut wurde? So wird der Intelligente schon mal als einer wahrgenommen, der einen erwischt, und das macht sich nicht immer gut bei er Arbeit. Wenn die törichten Herrscher die Intelligenz des Volkes umbringen lassen, dann bekommt das von hier einen ganz neuen Geschmack.

Aber sei’s drum: Wer nicht dumm sein will, der sollte eine Bereitschaft an den Tag legen, sensibel zu bleiben für die leisen Töne. Intelligenz braucht also kein großes Gehirn. Sie ist vielmehr bereit, die Welt zu lesen, sie wahrzunehmen und ihrer Wahrheit zu begegnen.
Die Dummheit dagegen spricht ihr: „Mir doch egal“, und sorgt sich um den eigenen Bauch und was er will, nicht mehr. Thomas zitiert den heiligen Isidor, und da zeigt die Dummheit wie gemein sie ist: Der Dumme wird vom Schmerz, den er sieht, nicht bewegt, und das Unrecht stört ihn nicht. Der Dumme bekommt diesen Glanz nicht mehr auf die Augen, den man beim Anblick in Kinderaugen bekommt. Der Dumme ist nicht mehr gerührt, wenn er ein Baby sieht und das Bedürfnis, das Kleine zu schützen, geht ihm ab. Vielmehr holt er es sich, wenn seine animalischen Triebe danach gelüsten. Wer die Linien weiter auszieht, der sieht: Wenn der Dumme nicht aufpasst, marschiert er in die triebgesteuerte Isolation, was den geistigen Tod bedeutet, denn wirklich leben heißt als Person leben, und als Person leben kann man nicht alleine.

Ich muss das Gesagte korrigieren. Im Abschnitt des heiligen Thomas über die Dummheit steht sie gar nicht als das Gegenteil von  Intelligenz im Raum. Vielmehr geht es hier erst einmal um die Frage, ob die Dummheit der Weisheit entgegensteht, und Weisheit und Intelligenz sind nicht dasselbe.

Ups, ich muss zur Arbeit. Geht bald weiter. Hier aber schon mal die Quelle.

Sth II-II,46,1: „de stultitia“

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3 Kommentare zu “Was bedeutet Dummheit?

  1. Interessanter, anregender Artikel. Gut geschrieben, gern gelesen. 🙂
    Albert Einstein war nicht gut in der Schule. Andy Warhol auch nicht.
    Ich mag den Ansatz von Thomas von Aquin, den Du hier als Beispiel erwähnst, jemand sei dumm, der seine Talente nicht nutzt. Die Frage ist natürlich – wie findet man sein Talent heraus? Benötigt das nicht auch eine gewisse Intelligenz? Dummheit als die Stumpfheit des Geistes und der Sinne zu bezeichnen, finde ich auch sehr interessant. So empfinde ich es manchmal, wenn jemand etwas nicht realisiert / kapiert, – dass ich den anderen als „stumpf“ empfinde. Ich hatte bislang Dummheit und Stumpfheit unterschieden und von einander abgegrenzt, aber es passt (in diesem Zusammenhang) schon irgendwie zusammen. Dummheit hat, so denke ich, viel mit Bequemlichkeit zu tun. Und auch mit Offenheit, den Dingen, den Lebewesen, dem Nächsten, der Welt gegenüber. Man kann nicht alles wissen, ganz klar, – aber ich denke, dass es unterschiedliche Haltungen eben genau den Dingen, den Lebewesen und der Welt gegenüber gibt und manche fördern das Lernen, Sehen, Offen sein.
    Ich denke, dass jemand weise sein kann, obgleich er nicht „viel weiß“ – in Bezug auf (Schul-/Allgemein-)Wissen.
    Und dass jemand, der viel Wissen in sich trägt, dennoch „dumm“ sein kann auf eine Art.
    Die Frage ist, was intelligent ist – nicht so leicht zu definieren. Meines Wissens haben sich da diverse Philosophen u.a. die Zähne dran ausgebissen. Nun ein Versuch, meine „Definition“ zu formulieren: Für mich hat Intelligenz viel mit Offenheit und Sensibilität, auch mit Wissen, Intuition, Neugierde, Flexibilität und Mut („die Dinge“ neu zu sehen) zu tun.

  2. Interessanter, anregender Artikel. Gut geschrieben, gern gelesen.

    Danke Dir!

    Die Frage ist natürlich – wie findet man sein Talent heraus? Benötigt das nicht auch eine gewisse Intelligenz?

    Thomas sagt das mit den Talenten an dieser Stelle nicht direkt. Es ist aber wohl so, dass jemand, der zulässt, dass die Sinne und das Herz stumpf werden, dass ein solcher kein Interesse mehr haben dürfte, seine Talente zu finden. Dagegen dürfte jemand mit wachem Geist und Verstand durchaus von selbst auf das kommen, was er kann und was ihn ausmacht.

    Dummheit hat, so denke ich, viel mit Bequemlichkeit zu tun.

    Würde ich auch meinen. Die Stumpfheit macht müde und die Müdigkeit neigt zur Stumpfheit. Vielleicht so.

    Für mich hat Intelligenz viel mit Offenheit und Sensibilität, auch mit Wissen, Intuition, Neugierde, Flexibilität und Mut (“die Dinge” neu zu sehen) zu tun.

    😉

  3. Die Mutter Dummheit ist immer schwanger. Für mich bedeutet das, dass die Dummheit der Menschen eine ständige Einrichtung ist. Aber ohne Dummheit wäre die Gescheitheit nicht messbar. Deshalb sollten wir lernen mit der Dummheit besser umzugehen und sie nicht ausgrenzen. Zu den Talenten möchte ich sagen, dass jeder seine Talente entdecken kann. Er braucht nur ein zuverlässiges System. Und das gibt es bereits. Aber ich möchte hier keine Angebote machen. Ich grüsse alle die nachdenken.

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