Gibt es eine unsichtbare Welt?

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Das nächste Kapitel sieht unscheinbar aus. Aber Thomas macht hier ein Fass auf, über dessen kostbaren Inhalt man mal ein eigenes, kleines Büchlein schreiben sollte: Er ist aber umstritten. Die Materialisten müssen ihn vermutlich rundweg ablehnen, wenn sie Materialisten bleiben wollen. Die Gläubigen nennen ihn ein bis zwei Mal im Jahr im sogenannten „großen Glaubensbekenntnis“, aber ich würde vermuten, sie rechnen im Leben nicht wirklich damit. Die Rede ist von der sogenannten „unsichtbaren Welt“.
Es wird überraschen, aber ich meine jetzt einmal nicht die fernen Welten des Jenseits, auf die die religiösen Menschen hoffen. Damit ist jetzt nicht der ferne Himmel gemeint und die zukünftigen Blumenwiesen des Paradieses. Vielmehr ist jetzt mal eine Seite unserer Welt gemeint, die dem menschlichen Auge für gewöhnlich verschlossen bleibt.

Um davon anfangen zu können, sei zunächst kurz angesprochen, wovon Thomas eigentlich spricht. Er stellt sich die Frage, ob man mit dem Empfang der Eucharistie Anteil an der himmlischen Herrlichkeit bekommt. Thomas sagt natürlich Ja, und nach den Einwänden meint er schlicht: Versprochen ist der Empfang des ewigen Lebens, und das sei nunmal ein Leben in Herrlichkeit.
Es sieht also so aus, als sei nun doch nur vom fernen Jenseits die Rede. Das muss so aber gar nicht gemeint sein. Er sagt natürlich, hier auf Erden könne nur ein Unterpfand, ein Anfang gegeben sein. Die wirkliche, vollendete Herrlichkeit, die gibt es als ganzes natürlich erst da, wo alles glänzt. Aber was ist ein Anfang wert, der nicht schon anfängt?
Die Frage wäre nun also, ob der Glanz hier auf Erden nur aufs Jenseits verschoben wird, oder ob er nicht doch schon hier beginnt, ohne, dass wir ihn sehen können.
Wir kennen das Phänomen längst aus dem Leben. Da ist jemand, der fährt mit glänzenden Autos durch die Gegend. Er wohnt in prächtigen Schlössern und umgibt sich mit Pomp und Seide. Im Dorf aber weiß jeder, in Wirklichkeit ist er ein Schurke und schmutziger Kerl. Niemand sieht das und niemand rechnet je damit, dass es gesehen wird. Aber ist das auch so?

Ein Gedanke dazu. Der heilige Josefmaria soll seine Freunde einmal auf den hohen Turm einer Kathedrale geführt haben, um ihnen zu zeigen, wie man im Mittelalter gearbeitet hat. Man sah mit Staunen, dass die feinen Verzierungen am Stein dort oben mit der gleichen Sorgfalt ausgeführt worden waren, wie am Boden. Unten konnte sie jeder betrachten. Damals aber hatte nie einer damit gerechnet, dass je ein Menschenauge so weit hinauf sehen konnte. Es hätte also gereicht, dort oben, wo ohnehin niemals jemand hinsehen kann, gröber zu arbeiten und die Sorgfalt etwas fahren zu lassen, um Energie zu sparen.
Aber nein, die Menschen hatten mittelalterliche Augen. Sie glaubten an Engel und Geister. Die Kirchen waren gar nicht nur für die Menschen und deren beschränkte Augen gemacht! Sie sollten ebenso ein Schauspiel für die Engel sein, die dort oben herrlich würden spielen können.

Als Kind der Neuzeit mit mittelalterlichen Tendenzen glaube ich nicht an Geister, wohl aber an Engel. So glaube ich zum Beispiel, die Beichtstühle unserer Kirchen werden von uns eher als Holzkisten wahrgenommen, die dunkel sind, wenn wir hinein kriechen und dunkel bleiben, wenn wir hinaus klettern. Wenn aber wahr ist, was ich glaube, und wenn stimmt, was ich vermute, dann werden genau in dieser Kiste aus Sündern in einem Augenblick Heilige und die für die Augen unserer Schutzengel sind sie lichte Orte größten Entzückens, die samstags heller Leuchten als das große Feuerwerk zu Sylvester.
Wenn es so ist, wie ich vermute, dann fängt der Glanz der himmlischen Herrlichkeit in Wirklichkeit erst gar nicht dort an, wo ohnehin alles im Licht steht. Vielmehr laufen die Menschen vom Altar und aus dem Beichtstuhl eher wie entzückende Glühwürmchen durch den Winterabend nach Hause. Das klingt natürlich jetzt alles etwas versponnen. Aber ich glaube so gern daran, wie der heilige Josefmaria an das Spiel der Engel.
Das muss jetzt gar nicht unbedingt alles auf das religiöse Schauspiel hinauslaufen. Ich würde meinen, es wäre ein Akt der Gerechtigkeit, wenn es schon jetzt auf Erden Engelsaugen gäbe, in denen der Drecksack auch wie einer aussieht, ganz gleich, mit welchem Pomp er sich umgibt. Ich würde mir auch wünschen, dass der arme, gute Mensch, der nie irgendwo auffällt, schon jetzt in Freude glänzt, und dass sein Glanz nie verloren geht. Ich würde mir wünschen, dass die heimlichen Tränen geschaut und nicht vergessen werden, und dass sich der unsichtbare, aber wirkliche Teil der Welt irgendwo abbildet. Ein Wunsch, auf den der Materialismus verzichten muss, an den aber jeder irgendwie glauben kann, der von einer spirituellen Seite der Wirklichkeit überzeugt ist.

Quelle: Sth III,79,2.

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2 Kommentare zu “Gibt es eine unsichtbare Welt?

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