Kann man überhaupt ganz frei sein?

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Mit dem angesprochenen Loskauf ist ein Freikauf gemeint, und der unterscheidet sich in seiner ersten Absicht von einem sonstigen, gewohnten Kauf. Wenn ein Kind einen Papagei bekommen soll, kauft man ihm einen. Das bedeutet, der Vogel marschiert vom Käfig zu Käfig; von dem der Zoohandlung in den daheim. Wenn aber ein Tierliebhaber einen Vogel freikauft, dann kauft er ihn, um ihm die Freiheit zu schenken. Er lässt ihn einfach fliegen. Der erste Grund, warum dem Kind der Vogel gekauft wurde war: Es wollte einen Vogel haben. Der erste Grund des Vogelnarren ist, der möchte die Freiheit des Tierchens.
Wenn wir mit unseren Fragen im Bild bleiben, dann kann man durchaus sagen, Gott hat uns freigekauft, weil er ein Menschennarr ist und unsere Gefangenschaft nicht länger mit ansehen konnte. Er wollte unsere Freiheit, das ist also ein wesentlicher Grund für das Kreuz.

An dieser Stelle bietet sich eine grundsätzliche Überlegung zur Knechtschaft und Freiheit an. Wer gewohnt ist, in der Bibel zu lesen, dem müssten hier nämlich die Ohren klingeln. Die Heilige Schrift hat vom Menschen ein etwas anderes Bild als wir Heutigen. Wir verstehen unter Freiheit schon mal so etwas wie ein absolutes Ungezwungensein. Frei sein heißt frei sein von allem und allem gegenüber. Es ist allerdings zu fragen, ob das so überhaupt möglich ist.
Die klassische Meinung vom Menschen sieht das etwas anders, nämlich, dass er immer irgendwelchen Dingen unterworfen ist.
Jeder kann sich frei entscheiden, Fleisch zu essen oder vegetarisch zu leben. Es kann sich aber niemand entschließen, in Zukunft gar nichts mehr zu sich zu nehmen. Wir sagen von einem, der in einer rücksichtslosen Firma geknechtet hat und sich für den Umweltschutz entschied, dass er nun einer guten Sache dient. Er dient aber wieder und fühlt sich befreit dabei.
Wer einer schweren Sucht entkam, der weiß, was Knechtschaft heißt. Er weiß allerdings auch, was dagegen die Freiheit von der Droge bedeutet. Solche Leute haben schon mal Lust, sich dafür einzusetzen, dass andere den Ausstieg auch schaffen. Auch sie dienen jetzt einer guten Sache, sie dienen aber einer und sind viel freier. Einer Sache steht man immer zu Diensten, und sei es der armseligsten, nur seinem eigenen Bauch zu dienen.

Der heilige Paulus schreibt im Römerbrief einmal etwas Eigentümliches: „Als ihr noch in Sünde lebtet, wart ihr frei von der Gerechtigkeit.“ Ich dachte immer, zu diesem Satz müsse mir einmal jemand etwas sagen, damit ich ihn verstehen kann, und er kam mir reichlich spanisch vor. Als ich dann Latein konnte, schaute ich in der Vorlesung des heiligen Thomas nach, die er zu dieser Stelle gehalten hat. Auch da geht es eigentümlich zu, aber es bietet sich ein kleiner Schlüssel. Thomas spricht dort von den Zügeln der Gerechtigkeit, die uns abhalten, völlig ins Böse abzustürzen.
Über die Gerechtigkeit wurden schon ganze Bücher geschrieben. Zum schlichten Verständnis würde ich hier aber die kurze, alte Definition in Anschlag bringen: Gerecht ist einer, der den Wunsch hat, jeder solle das bekommen, was ihm zusteht.

Ein tragisches Beispiel aus dem heutigen Leben. Wenn ein gerechter Mensch einem Kind in die Augen sieht, dann wünscht er ihm, dass es geschützt ist, dass es Liebe und Geborgenheit erfährt, dass ihm geholfen wird und dass es keine Angst haben muss. All das kommt Kindern zu. Das heißt, Kinder haben ein Recht darauf. Der Gerechte wünscht das alles automatisch und ohne drüber nachdenken zu müssen. Die Terroristen der IS köpfen und versklaven die Kinder derer, die sie ungläubig nennen. Hier leuchtet der Satz des Paulus in seinen grellsten Farben, und die Erklärung des heiligen Thomas kommt zur Geltung. Es gibt Menschen, die haben, warum auch immer, jeden Zügel des Gerechtigkeitsempfindens abgelegt und fallen ganz und gar ins Böse herab.
Zwei Zeilen weiter zitiert der Aquinate das Buch Ijob, wo es heißt: Der dumme Mensch erregt sich in seinem Hochmut wie ein junges Vieh, und hält sich für frei. Dann schreibt er dazu: Man muss wissen, hier handelt es sich um eine wahre Knechtschaft, die nur als Freiheit erscheint.
Der Freikauf Gottes widerspricht also nicht dem Satz Jesu, sein Joch drücke nicht und seine Last sei leicht. Nach dieser Sicht ist also der Diener Gottes der freieste aller Menschen. Thomas sagt sogar: Ein wirklich freier Mensch kann sich gar nicht mehr für das Böse entscheiden. Wäre das anders, dann wären nicht einmal die Engel im Himmel frei.

Sup Rom, 8,4: „Qui facit peccatum, servus est peccati. Et quantum ad hoc dicit: cum enim servi essetis peccati. Libertatem vero a iustitia, quantum ad hoc quod homo absque freno iustitiae praecipitat se in peccatum. Et quantum ad hoc dicit liberi fuistis iustitiae, quod praecipue contingit his qui ex certo proposito peccant. Nam illi qui ex infirmitate vel passione peccant, aliquo freno iustitiae retinentur, ut non videantur a iustitia omnino liberi. Ier. II, 20: a saeculo fregisti iugum, rupisti vincula, dixisti, non serviam. Iob XI, 12: vir vanus in superbiam erigitur; et tamquam pullum onagri, liberum se putat. Sciendum est tamen, quod iste status habet veram servitutem, libertatem autem non veram, sed apparentem.“
(Thomas übersetzt Hiob aus der alten Vulgata, die Neovulgata hat den letzten Vers mit der Freiheit nicht, also auch nicht die neueren Übersetungen.)

Sth I, 62, 8, ad 3: »Maior liberatas arbitrii est in angelis, qui peccare non possunt, quam in nobis, qui peccare possumus«

 

Bild von hier.

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4 Kommentare zu “Kann man überhaupt ganz frei sein?

  1. Nur um sicher zu gehen: Die Frage, die die Überschrift des Artikels ist, hast du aber jetzt nicht beantwortet, oder? Oder ich versteh irgendwas nicht. Ich lese in dem Artikel verschiedene Freiheitsverständnisse. Eins, das Paulus haben soll, eins, das Hiob haben soll (aus beiden dann irgendwie auch das des Thomas) und eins, das der sogenannte Mensch von heute hat. Aber, ob wir frei sein können, beantwortest du nicht, oder?

  2. „Freiheit“ ohne eine nähre Bestimmung kann es nicht geben. Vielleicht sollte ich den Text nochmal überlesen und vervollständigen, oder am besten noch mal einen anhängen.

  3. Völlig klar, eine Bestimmung braucht es. Ich war nur unsicher, ob du die Eingangsfrage beantwortet hast oder vielleicht gar nicht beantworten wolltest.

  4. Na ja, wie gesagt, meine Antwort lautet eben, dass man die Frage so eigentlich gar nicht stellen, und somit auch nicht beantworten kann. Du hast völlig Recht: Eine „Antwort“ sollte das Kapitel schon haben, und wenn die fehlt, dann muss sie noch rein. Oder aber ein weiteres Kapitel liefert sie als Fortsetzung. Mal sehen. Vielleicht kommt sie auch in den Anmerkungsapparat. Mal sehen. Vielen Dank Dir auf jeden Fall, ich muss liefern, muss das aber später tun. Die letzten beiden Ferientage schreibe ich meine Kapitel eher nebenbei und genieße noch ein bisschen den Luxus, über Fragen nachzudenken, die mit meinem Projekt nichts zu tun haben.

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