Als hätten wir gelitten

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Wenn ich an die Gottesdienste meiner Kindheit denke, dann fällt mir auf, dass die Leute bei uns gern und laut gesungen haben. Es wurde ein extra Riemen auf die Orgel geworfen und sie brauste los. Die Herren der Schöpfung standen hinten in der damals noch vollen Kirche und übertrafen sich gegenseitig, manchmal auch eher laut als schön. Besonders zu den großen Festen kehrten Jahr für Jahr die gleichen Lieder wieder, auf die man lange gewartet hatte. Zu Ostern wurde man nicht müde, unzählige Male und besonders kräftig das Halleluja zu singen. In einem dieser Lieder zur Auferstehung heißt es in einer besonders anrührenden Zeile:
„Der für uns hat genug getan.
Hallelujahaha, Hallelujahaha, Halleluja.“
Hier wird mit ein paar Wörtern umschrieben, worum es zu Ostern geht: Dass für uns alle ausreicht, was Christus aus seiner unendlichen Liebe getan hat.
Von der Genugtuung haben wir schon gesprochen, aber im Artikel bei Thomas darüber gibt es einen ziemlich schlagkräftigen Einwand, der eine Antwort bekommt, über die wir reden sollten.
Der Einwand geht dem Sinn gemäß so: Wenn einer Unrecht getan hat, dann ist es an ihm, es zu bekennen und um Entschuldigung zu bitten. Keiner kann das für ihn übernehmen. Christus hat aber gar nichts Böses getan, also kann er keine Entschuldigung bewirkt haben, schon gar nicht für uns.
Ich fand den Einwand immer einigermaßen stichhaltig. Die Antwort auf ihn hat einen wichtigen Gedanken, der in den vierziger Jahren des letzte Jahrhunderts durch ein Rundschreiben des Papstes Pius eine neue Popularität bekommen hat. Er geht so: Haupt und Glieder eines Leibes werden in der Kirche als ein einziger, mystischer Leib angesehen. So betrifft die Genugtuung Christi auch alle seine Glieder. Bei den Menschen sei das ja genau so. Wenn zwei eins seien in der Liebe, dann könne der eine auch für den anderen einspringen. Außerdem sei das mit dem Einwand gar nicht ganz richtig. Freunde könnten sehr wohl für einander Genugtuung leisten.
Der Grundgedanke ist einigermaßen wichtig. Er beschreibt nämlich die Art der Zusammengehörigkeit in der Kirche. Ich glaube, man kann das mit einer Familie vergleichen. Ein ausländischer Freund aus dem Orient hat mir eines Tages etwas gesagt, das für mich die größtmögliche Ehre war. Er sagte, ich gehöre zu seiner Familie. Das ist ein großes Wort und ein schöner Gedanke, so etwas, wie eine unkündbare Verbindung. Aber genau genommen stimmt das nur auf der einen Seite, auf der anderen nicht. Geboren bin ich in meiner Familie, nicht in seiner. Auf der anderen Seite gehörte ich in seiner wirklich dazu. Auf der einen Seite gehörten wir also zwei Familien an, auf der anderen der einen.
Ähnlich ist das mit dem mystischen Leib in Christus. Die Kirche ist auf der einen Seite der wirkliche Leib Christi. Wir gehören wirklich zusammen. Er ist das Haupt und innerhalb dieses Leibes haben wir wirklich Anteil an den Gnaden der Erlösung. Auf der anderen Seite muss man sagen dürfen, dass Christus im Himmel wohl einen Leib hat, mit Armen und mit Beinen. Dieser Leib ist aber nicht die Kirche, sondern schlicht ein Leib, wie wir ihn haben werden. Auch hier hat die Geschichte mit dem Leib Christi also ein Ja und ein Nein. Auf diesen doppelten Umstand hat der Papst in seinem Rundschreiben damals hingewiesen.
Wir bilden den einen Leib Christi, dessen Haupt er ist. Dieser Leib ist ein wahrer, zwar „nur“ ein mystischer, aber ein wirklicher. Das ganze ist kein Film, von dem man jederzeit sagen kann, dass es ja nur ein Film ist. Der mystische Leib ist so wirklich wie die Bücher samt dem Regal, vor dem ich gerade sitze.
Im Kapitel über die Taufe schreibt Thomas, jedem Getauften werde das Leiden Christi wie eine Medizin mitgeteilt, und es sei, wie wenn der Getaufte selbst für die Sünden gestorben wäre.
Ich würde das Ganze jedoch noch einmal in den Zusammenhang der Liebe stellen. Es gibt nur einen Gott, nicht zwei, nicht drei. Aber dieser eine Gott hat drei Personen. Die sind also im Wesen ganz identisch und doch sprechen wir ihnen verschiedene Weisen des göttlichen Daseins zu. Der Vater ist der Vater, der Sohn der Sohn und der Geist der Geist, quasi die Liebe zwischen beiden. Der Sohn hat für uns gelitten, weil der Vater es wollte, und so, wie er es wollte, so wollte es der Sohn. Es ist also ebenso der göttliche Vater, der uns aus Liebe so ansehen wollte, als hätten wir selbst das Opfer der Erlösung gebracht.

Quellen:
Sth III,48,2,1.ad1Videtur quod passio Christi non causaverit nostram salutem per modum satisfactionis. Eiusdem enim videtur esse satisfacere cuius est peccare, sicut patet in aliis poenitentiae partibus; eiusdem enim est conteri et confiteri cuius est peccare. Sed Christus non peccavit, secundum illud I Pet. II, qui peccatum non fecit. Ergo ipse non satisfecit propria passione.

(…)
Ad primum ergo dicendum quod caput et membra sunt quasi una persona mystica. Et ideo satisfactio Christi ad omnes fideles pertinet sicut ad sua membra. Inquantum etiam duo homines sunt unum in caritate, unus pro alio satisfacere potest, ut infra patebit. Non autem est similis ratio de confessione et contritione, quia satisfactio consistit in actu exteriori, ad quem assumi possunt instrumenta; inter quae computantur etiam amici.

Sth III,69,coEx quo patet quod omni baptizato communicatur passio Christi ad remedium ac si ipse passus et mortuus esset.

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