Die Liebe und ihr Opfer

Bildschirmfoto 2014-08-31 um 12.23.31

Vielleicht ist es ganz gut, dass wir einen Blick auf die Liebe getan haben, denn damit haben wir die Wurzel angeleuchtet, aus der das gesamte Geschehen mit Gott und den Menschen überhaupt kommt.
Mittlerweile dürfte klar geworden sein, dass unser Lehrer alles andere als ein romantischer Minnesänger war, der unter dem Balkon seiner Prinzessin fiedelt und Schnulzen singt. Thomas fiedelt nicht, und ich habe noch nie auch nur einen einzigen, süßen Satz bei ihm gefunden. Wer so was sucht, der gehe besser zum heiligen Augustinus, zu den Mystikern und Minnesängern, die gibt es auch in Fülle.
Thomas bleibt auf seinem Lehrstuhl kleben und diktiert dicke Wälzer. Aber er mag sein, wie er will, auch für ihn ist die Liebe die Wurzel für alles Handeln. Das gilt übrigens nicht nur für den Schöpfer, sondern auch für den Menschen. Thomas sieht auch in der schlimmsten Tat immer noch, dass der Mensch sie um irgendeines Guten willen wollte. Der Mensch kann gar nicht aufhören, irgendwie immer noch etwas Gutes zu wünschen und das Gute zu lieben. Das entschuldigt nicht alles, es erklärt aber viel.
Beim Schöpfer muss das alles natürlich etwas anders sein, weil er das Gute schlechthin darstellt und nichts Schlechtes wollen kann. Wir sehnen uns zwar immer nach dem Guten. Letztendlich kommen aber doch schon mal eher üble Sachen dabei heraus. Unsere Natur hat Brüche und Risse, in denen sich eben allerlei Verwirbelungen, Wirrnisse und Spaltungen bilden können.
Übrigens: Den, der „stets das Böse will und stets das Gute schafft“, gibt es im System des Aquinaten nicht, der ist eine Erfindung von Goethes Dichtung. Der mag ein guter Poet gewesen sein, als Kirchenlehrer aber kann er kaum herangezogen werden.
Wir können keinem Geschöpf im Universum nachsagen, dass es stets das Böse will, nicht beim Aquinaten. In seiner Schule bleibt selbst der Teufel ein an sich Guter, und sogar seine abgrundtiefe Sünde kann daran nichts ändern. Um es auf die Spitze zu treiben, verliert selbst der König der Unterwelt seine natürliche Neigung zum Guten nicht, und nicht einmal die zur Gottesliebe. Das ist ein interessantes Thema, über das man mal ein anderes Büchlein schreiben sollte.

Ich habe das alles hierher bemüht, um der glockenhellen Klarheit des Schöpfers einen Kontrast zu geben. Bei Gott sticht das Gute immer ganz durch. Es gibt keine Brüche und Fehlleistungen. Bei ihm ist nicht nur gut, was er will, sondern auch gut, was er macht, und das ganz und gar.
Sowohl die Menschwerdung, als auch das Leiden Jesu geschah in der maxima caritas, aus der vollendeten, allergrößten Liebe. Sowohl die Liebe war vollkommen, als auch die Tat, die aus ihr entsprang. Alles steht in diesem reinsten, ungebrochenen Licht der größten Zuneigung und ihrer Vollkommenheit.

Das Kreuz ist nun aber ein Geschehen, das von seiner Außenseite her nichts Romantisches mehr hatte. Wir lesen, von Seiten derer, die Christus umbrachten, war es eine unsägliche Tat. Von Christus her aber, der aus Liebe litt, war es ein Opfer. Deshalb sage man ja auch, Christus habe das Opfer gebracht, nicht seine Mörder.

Wann immer ich davon schreibe oder drüber rede, habe ich das Gefühl, ein Graben von ganz anderer Art tut sich auf.
Es mag an den Zeiten liegen, in denen man mich zum Studium schickte. Damals war kaum etwas größer als der Widerstand der Gelehrten dagegen, überhaupt irgendwo von einem Opfer zu sprechen. Ich ging völlig unverbraucht in die Vorlesungen und stand wie eine Tafel in den Seminaren, auf die man überhaupt erst noch etwas schreiben musste. Aber überall wurde diskutiert und lamentiert, das Gerede vom Opfer müsse aus der Lehre. Das alles hatte den Geschmack, wie wenn man die Betten jetzt unbedingt neu beziehen musste, und ich verstand gar nicht, was denn so Schlimmes an dem Gedanken des Opfers sein sollte.
Jeder Verliebte hat Lust, spektakuläre Opfer für seine Angebetete zu präsentieren. Wenn er sie zu Fuß über den Berg besucht, wirkt das erst richtig, wenn es ihn was gekostet hat. Jede Mutter hat Lust, sich für ihr Kind zu opfern, wobei man von Lust nur sprechen kann, wenn man genauer nachdenkt. Natürlich hat niemand Lust, sich irgendwo in eine schmerzhafte Bresche zu werfen. Aber man hat doch seine Lust an dem Gedanken. das Dorf zu retten und der Held dabei zu sein.
Es ist natürlich schwierig, das jetzt alles mit dem Leiden Jesu in Verbindung zu bringen. Das hat insgesamt einen heiligen Ernst, der oft eher Schweigen gebietet. Aber man muss irgendwann über die tieferen Motive und über die Früchte reden. Es sollte uns fern liegen, uns in den Verdacht zu stellen, irgendwelches Leiden zu glorifizieren oder gar schön zu finden. Wir können also nicht sinnvoll vom diesen Sachen sprechen, ohne klar zu stellen, in wie weit die Liebe und die Freude hinzu zu rechnen sind. Wie gesagt, wohl niemand geht gern zur Beichte. Aber es gibt kaum etwas Schöneres, als gebeichtet zu haben. Christus ging natürlich nicht gern in seine schweren Stunden. Aber dass er es getan hat, bleibt dennoch herrlich. Dass er es aus seiner vollendeten Liebe getan hat, das macht es zum Schönsten, das möglich war, und es wird eine Lust sein, die Früchte genießen zu dürfen. Deshalb sollte man wohl nicht aufhören, von seinem Opfer zu reden, man sollte vielleicht vielmehr versuchen, es richtig anzustellen.

Quelle:

Sent III,d 1,qu 2, a 2, arg 6Praeterea, incarnatio processit ex maxima caritate Dei quam ad nos habuit.

Sup I Thess, 1,1: I Petr. c. II, 21: Christus passus est pro nobis, vobis relinquens exemplum, ut sequamini vestigia eius. Et ideo dicit in tribulatione multa cum gaudio, id est, quamvis multa tribulatio immineret propter verbum, tamen illud accepistis cum gaudio. Iac. I, 2: omne gaudium existimate, fratres mei, cum in tentationes varias incideritis, et cetera. Act. V, 41: ibant apostoli gaudentes a conspectu Concilii, quoniam digni habiti sunt pro nomine Iesu contumeliam pati. Cum gaudio, inquam, spiritus sancti, non alio quocumque, qui est amor Dei, qui facit gaudium patientibus propter Christum, quia amant eum.

Sth III,48,3,ad3Ad tertium dicendum quod passio Christi ex parte occidentium ipsum fuit maleficium, sed ex parte ipsius ex caritate patientis fuit sacrificium. Unde hoc sacrificium ipse Christus obtulisse dicitur, non autem illi qui eum occiderunt.

Bild von hier.

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