Kann man sich lieben, ohne sich zu kennen?

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Vor ein paar Tagen kam er wieder, dieser häufige Einwand, die moderne Wissenschaft habe die Religion erledigt, ich solle doch mal etwas dazu sagen. Die Frage kam nicht von einem, der an einem interessanten Gespräch interessiert war. Vielmehr machte er auf mich den Eindruck, als wolle er kein Gespräch, sondern nur reden, wie jemand, der einfach sein Denken auf laut stellt, sobald er ein Opfer gefunden hat. Ich habe mich also mit einem Themenwechsel aus der Affäre gezogen und davon gemacht. Ganz in Ruhe gelassen hat mich die Geschichte dann doch nicht, und heute passt sie als Einleitung zum Thema. Also ein Wort dazu.
Die Naturwissenschaft kann die Religion nicht erledigen. Der Sprechende meinte vermutlich mit „Religion“ die Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Die Frage, ob es Gott gibt, ist keine Frage der Religion. In der Formel Eins wird auch nicht gefragt, ob es Autos gibt. Die Religion beginnt nicht mit der Frage, ob es Gott gibt, sondern mit der, wie man sich zu ihm ins Verhältnis stellt.
Die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, ist auch keine Frage der modernen Wissenschaft. Beim alten Aristoteles stand sie noch im Physikbuch. Heute aber ist die Wissenschaft derart aufgestellt, dass sie die Frage nach Gott gar nicht mehr stellen kann.
Wenn alle Wissenschaftler der Welt sich meinen Computer vornehmen würden, dann könnten sie allerhand über ihn erfahren, vergleichen und veröffentlichen. Niemand aber würde herausfinden, dass Steve Jobs ihn mit seinen Leuten erfunden hat. Erfinder stecken nicht in ihren Erfindungen und aus einer Erfindung heraus kann nicht zwingend auf den Erfinder geschlossen werden.
Die Wissenschaft untersucht das All und das Universum. Sein Erfinder aber steckt da nicht drinnen. Somit kann die Wissenschaft zur Frage nach der Existenz Gottes gar nichts sagen. Sie kann jede Menge Indizien liefern, und da kann man sich streiten. Ich liebe diese Art Streit aber nicht, nicht mit Leuten, die das Sprechen so schätzen, wie ich nach zwölf Jahren Kloster das Schweigen.
Christlich gesprochen ist die Frage nach der Religion nicht die, ob man an Gott glaubt, sondern  vielmehr die, ob man ihn lieb hat. Das ist entscheidend, sogar für den Riesen Thomas aus dem Mittelalter.
Es tut sich hier aber eine Frage auf, an der man nicht vorbei kommt, sobald man auch nur kurz in der Gotteslehre nachgeschaut hat. Über allem, was Thomas über Gott schreibt, steht die schwere Behauptung, dass man ihn nicht erkennen kann. Es stellt sich also die Frage: Wie kann man lieben, was man nicht kennt? Man sollte meinen, das ist nicht möglich. Keiner verliebt sich in ein Mädchen, das er noch nie gesehen hat. Man sollte also meinen, ohne Erkenntnis keine Liebe und ohne Gotteserkenntnis keine Gottesliebe, die in seine Richtung geht.
Wenn das so einfach wäre, dann hätte das größte Gebot des Evangeliums keinen Sinn. Auf die Forderung: „Höre, Israel, du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit all deiner Kraft“, müssten wir sagen, das gehe leider nur, wenn Gott sich endlich mal sehen lässt.
Thomas sagt aber, es gehe auch anders. Er erklärt die Gottesliebe für möglich und liefert die Erklärung gleich dazu. Wir müssen allerdings genauer hinsehen.
Ich hatte gesagt, der Pfarrer von Ars sei ein in Gott verliebter Mensch gewesen. Das stimmt ganz sicher, und auch als Freund des Theoretischen würde ich meinen, die stärksten Beweise für die Tatsache, dass man Gott lieb haben kann sind die Menschen, die es tun. Die Tränen unserer Heiligen lügen nicht. Die Heiligen sind die stärksten Gottesbeweise, die es gibt und ihre kindliche Anhänglichkeit dem Schöpfer gegenüber künden in der Praxis, was Thomas in der Theorie darlegt.
Aber genauer gesprochen ist das Wort „Verlieben“ vielleicht doch nicht ganz das richtige. Was wir für gewöhnlich mit Verlieben meinen, das kann man in der Tat nämlich erst, wenn man sich gesehen und erkannt hat. Verliebt hat sich der Prinz erst, als ihm seine Prinzessin unter die Augen kam.
Lieben aber kann man auch ohne Erkenntnis. Pater Maximilian Kolbe ist für einen jungen Familienvater in den Tod gegangen. Er starb, damit ein anderer wieder zu seiner Familie konnte. Der schaffte es dann auch, und wer wird sagen, die Kinder, die ihren Vater wiederbekamen, hätten den Heiligen Pater fortan nicht von Herzen geliebt, ohne jemals seine Bekanntschaft gemacht zu haben? Thomas sagt, die Liebe folge einer anderen Ordnung als die Erkenntnis. Die Liebe sei wohl ihr Ziel, aber manchmal beginne die Liebe genau dort, wo die Erkenntnis ihr Ende hat.

Quelle:
Sth II-II,27,4,ad1: „Ad primum ergo dicendum quod quamvis incognita amari non possint, tamen non oportet quod sit idem ordo cognitionis et dilectionis. Nam dilectio est cognitionis terminus. Et ideo ubi desinit cognitio, scilicet in ipsa re quae per aliam cognoscitur, ibi statim dilectio incipere potest.“

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2 Kommentare zu “Kann man sich lieben, ohne sich zu kennen?

  1. Hanses, Wahnsinn! Mehr auf den Punkt geht nicht. Hab richtig Herzrasen, was in der Theologie zumindest bei mir nicht so häufig der Fall ist.

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