Thomas seziert die Liebe

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In Bochum streunte ein junger Mann mit Namen Meinolf durch die Straßen, immer auf der Suche nach der Liebe seines Lebens. Er war ein guter Kerl, und ich denke, er ist heute noch einer. Aber wenn er nicht ein bestimmtes Verhalten abgelegt hat, dann habe ich eine Befürchtung. Ich fürchte, er hat seine Liebe wohl irgendwann gefunden. Die dürfte ihm aber nach kurzer Frist davon gelaufen sein. Meinolf kann nämlich nicht leben, ohne zugleich das Leben erklären zu wollen. Wenn er ein nettes Mädchen gefunden hatte, die mit ihm ins Kino ging, dann bat er sie nachher zu erklären, was sie bei dem Film empfunden hatte. Auch wenn sie die verrücktesten Sachen machen, will er nachher besprechen, was das in den beiden auslöst. So kann man nicht leben, und auf die Dauer läuft ihm auch die trockenste Wissenschaftlerin davon.
Ein großer Vorteil von Büchern ist, dass sie einem nicht nachlaufen können. Sie bleiben brav im Regal, wenn man draußen das Leben genießt. Regale und Türen sind tolle Erfindungen. Gerade mit der Liebe ist es so: Man muss sie einfach leben können, und sobald man sie mit dem Skalpell seziert, hört sie zu leben auf. Das Kino ist einfach nicht der richtige Ort, um mit der Taschenlampe in seinen Büchern zu stöbern und Meinolf täte gut daran, die Dinge sauber zu trennen.

Wenn wir bei Thomas etwas über die Liebe lesen, dann stehen wir ausdrücklich im Studierzimmer zwischen den Regalen, wo es staubig riecht und wo man mit dem Skalpell die Behauptungen auseinander nimmt. Hier war der Arbeitsplatz des heiligen Thomas, und vermutlich brauchte er auch für sein weiteres Leben eigentlich nur noch eine Kapelle, einen Hörsaal und ein Speisezimmer. Er war Professor, Berater und der Leiter eines Priesterseminars. Was er sonst noch getan hat, kann nicht viel gewesen sein. Er hat unglaublich viel geschrieben und hatte nur etwa zwanzig Jahre Zeit dazu. Aber gerade darin ist er eine absolute Ausnahmeberufung.
Es sei also deutlich gesagt: Thomas spricht wohl über die Liebe, man verliebt sich dabei aber nicht gerade. Er seziert nämlich, und wo ich gerade stöbere, stellt er sich die Frage, ob das Lieben, das man in der Gottesliebe tut, nicht das selbe sei wie Wohlwollen.
Die Antwort ist sehr theoretisch. Er spricht vom Streben des sinnlichen Vermögens und vom Streben des Denkens.
Am Schluss aber heißt es, Wohlwollen sei eine Sache des Willens und Wohlwollen könne es auch ohne Gefühlsregungen geben. Das ist schnell verstanden. Wenn ein König einem seiner Untertanen eine Strafe erlässt, dann handelt er mit Wohlwollen. Das bedeutet aber noch nicht, dass er ihn gleich gut leiden kann. Man kann auch dem etwas Gutes wollen, dessen Nase einem nicht passt. Der König ist gnädig, weil er gnädig sein will. Insofern kann Thomas sagen, das Wohlwollen sei ein Akt des Willens. Zum Schluss sagt er aber, zur Liebe gehöre auch eine Vereinigung in der Leidenschaft und im Gefühl mit dazu. Das ist seziertes Sprechen über die Liebe, und ich mag es, dieser Art des Forschens nachzugehen, um die Dinge am Ende besser und genauer verstehen zu können.
Manchmal aber kommen kritische Fragen oder die Anmerkung, das könnte die Liebe zur Sache ebenso beschädigen wie Meinolf die Beziehungen zu seinen Freundinnen damals. Das glaube ich allerdings nicht, wenn es um die Sakrammente etwa oder um die Eucharistie geht.
In Sachen Liebesleben würde ich zustimmen. Um lieben zu können, braucht man nicht wissen, wie die Liebe geht. Man muss nicht wissen, was sensitives und intellektuelles Begehren ist und unterscheidet. Es macht die Liebe nicht schöner, wenn man weiß, dass sie mit Wohlwollen zu tun hat. Der Genuss geht auch. Nicht aber in der Eucharistie. Bevor und wenn wir sie bekommen, dann sollten wir Wissen haben. Wir sollten wissen, dass sie aus dem Leiden Jesu ihre Kraft hat, dass sie Christus enthält und dass sie unsere geistige Nahrung ist und uns Gottes Hilfe vermittelt. Wir sollten wissen, dass sie aus Gottes großer Liebe kommt und dass wir ihn dafür wieder lieben können. Wie das alles sein kann, das kann uns der Aquinate mit seinem Seziermesser fein erklären. Aber wenn wir das alles bekommen, dann sollten die Bücher im brav Regal stehen.

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