War Jesus vor allem solidarisch?

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Neulich kam sie wieder, diese schräge Behauptung, Christus habe sich in seinem Sterben vor allem mit uns solidarisch gemacht.
Natürlich hört man das Wort „Solidarität“ gern. Es heißt zusammenhalten, für einander da sein und vieles mehr. So passt es gut in unseren Kram. Christus war ja auch in jeder Weise solidarisch mit uns, keine Frage. Aber gerade nicht in seinem sterben. Denn was würde das bedeuten?
Wenn wir arm werden und unsere Brüder solidarisieren sich mit uns, dann sind am Ende alle arm. Das ist ja sehr lieb, aber es hat am Ende des Tages niemand mehr was.
Wenn wir sterben müssen, und unsere Brüder solidarisieren sich mit uns, dann sterben sie mit uns und wir sterben alle, was das ganze unter Umständen erleichtert. Aber was haben wir am Ende davon? Was wird aus der Botschaft der Christen, wenn wir so sprechen?

Die eigentliche Auskunft lautet, Christus ist nicht mit, sondern für uns gestorben. Das heißt, er ist gestorben, damit wir nicht sterben müssen. Das ist etwas ganz anderes.

Wenn die Fans ins Stadion ziehen, mögen die Clubs ihre Farben wechseln. Sie können die Abseitsregeln streichen und die Tore niedriger machen. Was aber, wenn die Fans kommen und es wird kein Fußball mehr gespielt? Wenn man die Dinge ändert, dann muss das Wesentliche, das Eigentliche bleiben.

Die Botschaft, die ganz in der Mitte des Christlichen steht, lautet nicht Solidarität, sondern Stellvertretung. „Ich mache das für euch“, in der Biblischen Sprache: „Ich gehe hin, euch eine Wohnung zu bereiten.“ Die konnten wir selbst nicht einrichten, weil wir aus eigener Kraft nicht dort hin gelangen. Wir können dem Evangelium gemäß nicht einmal wissen, woher er kommt und wohin die Reise geht.

Das war doch unser Grundproblem: Unsere ganze Natur war überhaupt nicht mehr darauf eingestellt, nach Hause zu finden. Wie wenn wir uns vom Kai abstoßen, los segeln und weder einen Kompass, noch ein Gespür dafür haben, wo der Heimathafen liegt. Erst in Jesu Tod und Sterben wurde unsere Natur wieder hergestellt. Wer immer sich mit ihm in der Taufe verbindet, der gehört dazu und geht nicht mehr verloren. Das birgt ein tiefes Geheimnis, aber so lautet die Botschaft. Da „vor allem“ von Solidarität sprechen bedeutet die Religion auflösen.

Als ich ins religiöse Denken einstieg, wunderte mich schon sehr, warum man sich gerade mit dem Kern der Sache so schwer tut, und die Frage bohrt bis heute. Man erwähnt das Opfer immer so ungern. Vielleicht hat das mit der männlichen Seite unserer Natur zu tun. Die Kerle schleppen gern Beute nach Hause, und es ist schwer zu ertragen, wenn jemand anders die Tiere für uns jagt.
Der Mann an sich ist gern ein Held, und er repariert das Auto der Lady an der Straße nicht nur, damit ihr Wagen wieder fährt. Wichtig ist, dass genau er es war, der es reparieren konnte. Vielleicht hören wir das „ich gehe für euch“ nicht gern, weil wir selbst nicht das geringste daran mitwirken können. Christus hat das alles für uns getan und auch wenn die Jünger nicht davongelaufen wären, sie hätten nur zusehen können, wie Johannes und die Mutter.
So verhält es sich ja auch mit dem Sakrament auf dem Altar. Die Gläubigen und der Priester selbst können nichts wirken. Die Verwandlung der Gaben geschieht auf dem Altar nur, weil der Schöpfer ganz allein an ihnen arbeitet. Die Christen bringen wohl auch das Ihre und auch hier sprechen wir von einem Opfer des Lobes und dergleichen. Das Opfer Christi aber bringt nur er allein.
Vielleicht werden wir ja auch nicht gern daran erinnert, dass das Opfer geschehen musste, weil mit uns etwas nicht stimmte oder stimmt. Wir sollten mit dem Heranwachsen aber lernen, zu dem zu stehen, was wir sind und sollten die Schule nicht verlassen, in der wir unsere Bildung erfahren. Aber auch hier gibt es Entlastung. Dafür, dass unsere Natur korrumpierte, dafür können wir nichts. Es kann einem Baby nicht zur Last gelegt werden, dass es mit einer Sucht geboren wird, weil die Mutter trinkt. Wie immer auch, wir hören das mit dem Opfer nicht gern, und in dieser Sache tut uns der heilige Thomas keinen Gefallen. Er ist in Sachen Davonlaufen so unschuldig wie ein Kind und spricht die Dinge in höchster Gelassenheit aus.

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11 Kommentare zu “War Jesus vor allem solidarisch?

  1. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Kritik ist mittlerweile sehr im Grenzbereich des Christlichen angekommen, aber gut, sei es drum: das mit der Stellvertretung verstehe ich nicht. Ich finde der durch und durch juristische Begriff der Stellvertretung setzt einen dermaßen starren Gerechtigkeitsbegriff voraus, der weder vor Gott noch vor sonst irgendwas angemessen ist. Nach dem Motto „Strafe muss sein“. (Eine solche Logik führt m.E. fast immer in die Gedanken des großen Anselms und ich finde Anselm dermaßen bedrückend und Gott geradezu vermenschlichend, ich weiß nicht.) Ist nicht ein wesentliches an dem Opfer Christi eben das Opfer wie du es in dem gesamten Artikel beschreibst. Ein Opfer für uns, so wie du es auch in deinem gesamten Artikel beschreibst. Was hat das mit Stellvertretung zu tun? Stellvertretung kann doch nur die Strafe meinen, die gekränkte Majestät Gottes etc.

  2. Allora. Die christliche Klassik nennt den Tod in der Tat eine Strafe für die Sünde, die eigentliche sogar. Der Strafbegriff hat sich in seiner Bedeutung und, wie Du es beschreibst, auch in seiner gefühlten Wirkung verändert. Es ist also schwierig, gemeinhin von Strafe zu sprechen, weil man dann nicht immer genau trifft, was die Alten vermutlich sagen wollten. Das „wenn ihr davon eßt, müsst ihr sterben“ umschreibt dennoch den gemeinten Zusammenhang, und Christus spricht davon, dass er den Todgeweihten das Leben wieder bringt.
    Aber es ist nicht die Theologie, die den Tod eingeführt hat. Der ist empirisch. Die Theologie legt uns nur die Erklärung der Offenbarung dar, nämlich dass der Mensch von Gott her nicht für den Tod vorgesehen ist.
    Die juristischen Zusammenhänge sind sozusagen innerweltlich, das heißt zweierlei. Die Gerechtigkeit als solche verlangt die Konsequenzen. Innerhalb der Welt verlangen die Tränen der Opfer die Belangung der Täter. Dass es nun der Schöpfer es ist, der im Fall des peccatum originale den Schuldspruch deklariert, muss seiner Unverletzlichkeit nicht widersprechen. Um mit der Summa contra G zu sprechen, in Gott ist nur Freude und Liebe. In ihm kann kein Hass zu finden sein, deshalb auch kein Beleidigtsein und kein Rachewille. Das alles muss völlig ausgeschlossen bleiben. Christus ist nicht für uns gestorben, um den tobenden Vater zu beruhugen, sondern einzig, weil der liebevolle Vater in seiner unergründlichen Weisheit das so beschlossen hat.
    Mit Anselm hab ich es auch nicht besonders.

  3. Gehe eigentlich in allem völlig d’accord, außer:

    Die Gerechtigkeit als solche verlangt die Konsequenzen. Innerhalb der Welt verlangen die Tränen der Opfer die Belangung der Täter.

    Das ist eben allzu menschlich gedacht und kann auf Gott nicht angewendet werden. Die Belangung der Täter ist der Rachewunsch menschlicher Verletzungen. Es ist das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn, welches Christus doch eigentlich aufgehoben hat, oder? Er sprengt alle menschlichen Gerechtigkeitsmaßstäbe. Gott sprengt alle menschlichen Gerechtigkeitsmaßstäbe. Ein Grund zeigt unsere menschliche Welt: keine Träne der Opfer kann durch die Belangung der Täter getrocknet werden.
    Losgelöst davon, ob das, was du auch in deinem Kommentar ausführst, wirklich einzig und am besten mit dem Begriff der Stellvertretung benannt werden kann, möchte ich weiter bezweifeln. Der Begriff des Opfers scheint der geeignetere in meinen Augen.

  4. Die Belangung der Täter ist der Rachewunsch menschlicher Verletzungen.

    Das ist mir zu wenig. Verzeih die Polemik: Man kann einem Vergewaltigungsopfer nicht sagen, sein Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit entspringe eigentlich nur einem allzumenschlichen Rachewunsch. Wir müssten uns damit abfinden, Gott sei in einer Weise übergerecht, die wir als ungerecht empfinden.

    Gott sprengt alle menschlichen Gerechtigkeitsmaßstäbe.

    Das glaube ich eben nicht. Gott ist unbegreiflich. Er macht uns aber nicht unsere Maßstäbe kaputt. Um es in einem etwas weiter gefassten Bild zu illustrieren. Gott ist über jede Vernunft, aber er ist nicht unvernünftig, und die Forderungen der Gerechtigkeit haben auch bei ihm volle Gültigkeit. Selbst wenn er die Folgen unserer Taten dispensiert, die Sünden vergibt und die Strafen aufhebt, so bleiben die Sünden dennoch Sünden und die Forderung nach Gerechtigkeit an sich bleibt. Wäre das alles bei Gott ganz anders, dann wäre er ein Gott zum Fürchten, denn wir wüssten überhaupt nicht, was uns erwartet. Dann kann das Gute schlecht und das Schlechte gut sein, in Konsequenz.
    Christus hat der Sünderin verziehen. Er hat aber mit keinem Wort gesagt, der Ehebruch sei jetzt anders zu bewerten.

    keine Träne der Opfer kann durch die Belangung der Täter getrocknet werden.

    Natürlich nicht, aber der Täter hat etwas aus sich gemacht, was er vorher nicht war. Er ist zum Täter geworden. Es geht auch um ihn und was er ist.

  5. Gott ist über jede Vernunft, aber er ist nicht unvernünftig, und die Forderungen der Gerechtigkeit haben auch bei ihm volle Gültigkeit.

    In meinen Augen kettest du hier Gott an die Regeln der menschlichen Vernunft. Das finde ich unvernünftig. Gott geht in den Schablonen menschlicher Vernunft schlichtweg nicht auf. Er weiß eben auch, dass ein Täter mehr ist als nur ein Täter. Dass er der ist, der er ist, nicht erst durch die Tat wurde, die er begangen hat. Er ist Sünder in seinem Mensch-sein, nicht in dieser oder jener Tat. Dass es unter Menschen so etwas wie Strafe braucht, ist okay. Aber das sagt mehr über den Menschen als über die Taten und schon gar nicht sagt das etwas über Gott.
    Vielleicht glaube ich an einen Gott des Fürchtens, wenn das heißt, dass er so ganz anders ist, als wir das denken und fühlen wollen.

  6. In meinen Augen kettest du hier Gott an die Regeln der menschlichen Vernunft.

    Gut, dass Du es so sagst. Es ist nämlich genau umgekehrt. Wir ketten Gott nicht an unsere Ordnung, sondern Gott kettet uns an seine, indem er uns seine offenbart. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass ich nicht von einer Ordnung in Gott spreche. Gott selbst muss herausgehalten werden. Sein Sein ist für uns unvorstellbar und nicht einzubinden. Ich meine aber, Gott hat uns mitgeteilt, dass er die Gerechtigkeit, die sein Sohn uns ausgelegt hat, durchzuhalten gedenkt. Es ist eben die innerwltliche Ordnung, wobei ich auch die letzten Dinge mit meine.

  7. Und hier ist der Punkt. Wir beide berufen uns für den Gerechtigkeitsbegriff auf die in Christus ausgelegte Gerechtigkeit. Also Diskussion beendet, weil verschiedene Auslegungen des Christusgeschehens an dieser Stelle haben, oder?
    Eine Frage noch, du rechnest die letzten Dinge zu der innerweltlichen Ordnung, hab ich das richtig verstanden?

  8. Eine Frage noch, du rechnest die letzten Dinge zu der innerweltlichen Ordnung, hab ich das richtig verstanden?

    In gewisser Weise ja, schließlich kommt man ja in den Himmel, weil man auf Erden die Rechtfertigung erfahren hat. Man marschiert ins Purgatorium, um seine Untugenden loszuwerden etc. Also gehören die Welten irgendwie zusammen und sind nicht so strikt trennbar. Meine argumentative Zusammenführung geschah allerdings in erster Linie, um Gott heraus zu halten. Etwa wie: Alles, was nicht Gott ist, ist Geschöpf. So ist alles, was nicht er ist auch irgendwie seine, eine Welt.
    Ansonsten scheinen wir wirklich an einem Punkt zu stehen, wo wir einfach was Verschiedenes annehmen. Ein bisschen schnupperte mir das schon am Anfang ein bisschen nach protestantisch-platonisch vs katholisch-aristotelisch. Aber da können wir ja wieder ganze Fässer aufmachen…Da schlage ich vor, bei Gelegenheit lieber mal ein gutes Fläschchen zu öffnen. ^^

    • Eins muss ich noch nachschieben: Hör mir mit diesem Gegensatz der Philosophien auf! 🙂 Jetzt im Ernst, ich glaube, das hab ich auch schon mehrmals gesagt, dass Herr Platon innerhalb der evangelischen Theologie eine nicht zu überschätzende Rolle spielt. Also eigentlich gar keine, zumindest keine wichtige. Im Gegenteil, die ganze Altprotestantische Orthodoxie, also die Herren, die dann das erste Mal sowas wie protestantische Dogmatiken geschrieben haben, haben Aristoteles zur Grundlage genommen. Ich weiß nicht, wo du den Platon immer hernimmst, aber so richtig austreiben lässt du dir das nicht. 😉

  9. Ich wusste, Du beißt an. ^^
    Ich weiß, und wir hatten diese Diskussion ja schon an anderem Orte. Aber diese „Gott, der ganz andere“-Richtung ließ mich da eine gewisse Witterung aufnehmen. Es hat der Denktradition nach doch vielleicht etwas mehr von der Ideenwelt als von der des ranzigen Stagiriten. Nix für ungut, ich würde Dich nie (das geht alles gar nicht) einen Platoniker und den Protestantismus nicht platonisch nennen, höchstens um Deinen Blutdruck etwas raufzufahren. Aber der Titel Aristoteliker, der würde sich an meinem Revers nicht so schlecht ausnehmen.

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