Widerspricht die Gerechtigkeit der Liebe?

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Achtung, gestern keiner, heute zwei Artikel.

Vielleicht einmal zu einer ewig neuen Frage: Wie kann Gott, der doch ganz Liebe ist, zulassen, dass sein Sohn für die Sünden starb? Diese Frage, bzw. die negative Antwort darauf höre ich, seit ich katholisch denken kann. Vermutlich ist sie das Argument, das am häufigsten gegen das Opfer Jesu ins Feld geführt wird. Die Frage ist, wie gesagt, nicht neu. Der heilige Thomas stellt sie bereits, und das sicher nicht als erster.

Im sechsundvierzigsten Fragekomplex, im dritten Buch seiner Summe geht es ganz am Anfang genau um diese Frage, nur wird hier nicht mit der Liebe, sondern mit der Barmherzigkeit argumentiert. Gottes Barmherzigkeit, so heißt es im dritten Einwand, bedeute doch, dass der Schöpfer seine Gnade ohne Gegenleistung gibt. Das heißt, man muss nichts leisten, nichts gut und schon gar nichts wieder gut machen, um Gottes gute Gaben zu bekommen. Dem widerspreche doch die Forderung nach Wiedergutmachung.
In der zweiten Frage des Kapitels wird das Argument noch verlängert. Dort heißt es, Gott hätte in seiner Allmacht auch ganz anders für Erlösung sorgen können.
Die Antwort des Thomas führt die Dinge zusammen. Er sagt, die Befreiung des Menschen durch das Leiden Jesu erfülle beides, nämlich die Forderung der Gerechtigkeit und die der Barmherzigkeit. Gerecht sei das Opfer, weil es Wiedergutmachung leiste für die Sünde. Barmherzig sei es, weil der Mensch aus eigener Kraft nicht dafür sorgen konnte und Gott uns deshalb seinen Sohn geschenkt habe. Es stimmt also, der Mensch konnte nicht leisten, was zu leisten war. Das Geschenk seines Sohnes, der es vermochte, war die Gabe der Barmherzigkeit. Dadurch aber, dass er die Erlösung vollzog, leistete er das, was die Wiedergutmachung meint.
Um das ganze vielleicht einmal in einem Satz in der heutigen Sprache zu sagen: Es widerspricht der Liebe nicht, wenn die Gerechtigkeit das Ihre einfordert. Vielmehr ist die Gerechtigkeit die Liebe, die alles wieder in Ordnung bringt.

Wenn ich die Dinge aber richtig beobachte, dann stoßen wir Heutigen uns am meisten am Wort der Genugtuung. Die Forderung nach ihr erinnert an die alten Filme, in denen man noch Herausforderungen zum Duell aussprach und sich morgens ganz früh mit Pistolen auf einer nebeligen Waldlichtung traf. Genugtuung erinnert an die bösen Könige in den guten alten Filmen. Man will solche Sachen aus der lieben Religion heraushalten und bekommt sie nicht sauber hinein gerechnet. Wir werden das hier nicht ändern können, man möchte, was man möchte.
Ich setze voraus, dass wir alle Leute sind, die sich um die Liebe mühen und den Wunsch hegen, gute und gerechte Kerle zu sein. Wenn das so ist, dann könnte uns der Umstand verwundern, dass wir auch in diesem Bemühen jederzeit darauf bestehen, dass die Übeltäter für ihr Übel bezahlen, dass ungerechte Beute zurück gegeben wird und dass der Mord seine klaren Konsequenzen hat. Wir fordern tagaus tagein Genugtuung in der Welt und gestatten ihrem Herren nicht, die selben Forderungen auszusprechen.

Ich halte, wie gesagt, die Forderung der Gerechtigkeit für eine weltliche Sache. Gott ist zu groß, als dass ihm jemand schaden könnte. Man kann ihn mit keiner Beleidigung ernsthaft treffen, und kein Unrecht tut ihm wirklich weh, nicht, sofern er der Erhabene ist. Schon auf Erden juckt es die wirklich Reichen nicht, wenn wir über sie schimpfen. Aber auch wenn es den König nicht sonderlich berührt, wenn man ihn beleidigt, so gehört es sich dennoch nicht, sein Ansehen ungerecht zu verletzen. Auch wenn Gott erhaben ist, so hindert das nicht, dass in ihm Liebe und Freude sein kann. Thomas hat darüber ganze Kapitel in seiner philosophischen Summe geschrieben. Das bedeutet, Gott liebt seine Kinder und hat seine Freude an ihnen, wenn sie einander Gutes tun. Deshalb muss es kein innerer Widerspruch sein, wenn er fordert, das Böse müsse wieder gut gemacht werden. Das ist doch das, was seinen Lieben schadet und ihnen das Leid antut.

Quelle:
Sth III,46,1,ad3: „Ad tertium dicendum quod hominem liberari per passionem Christi, conveniens fuit et misericordiae et iustitiae eius.“
Sth III,46,2: „…possibile fuit Deo alio modo hominem liberare quam per passionem Christi.“
ScG 90: „Quod in Deo sit delectatio et gaudium non tamen repugnat divinae perfectioni.“

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2 Kommentare zu “Widerspricht die Gerechtigkeit der Liebe?

  1. Guter Artikel.

    Darf ich dir zwei Quellen empfehlen, die mir auch sehr mit diesem Thema geholfen haben?

    1. George MacDonalds „Unspoken Sermons“ – daraus die Predigt mit dem Titel „Justice“. Schwere Kost, aber sehr, sehr gut. (Hier: http://www.hradetzkys.de/pdf/GeorgeMacDonald_Unspoken-Sermons1-3.pdf ab S. 243.) [deutsche Übersetzungen gibt es übrigens erst wenige, und leider nicht von dieser Predigt. Die wenigen, die es gibt, sind hier: http://www.hradetzkys.de/theologie_georgemacdonald_quellen.php …]

    2. Prof. Siegfried Zimmers Vortrag „Gottes Liebe und Gottes Gericht: Wie passt das zusammen?“. Denn was weder Thomas noch George MacDonald wissen konnten, obwohl beide es auf ihre Weise ahnen: Unser europäischer „Gerechtigkeits“-Begriff scheint ein völlig anderer zu sein als der hebräische/biblische. (Hier: http://worthaus.org/mediathek/2-7-1 )

    Mach weiter so!
    Gruß aus Gießen,
    Patrick

  2. Hi Patrik,
    vielen Dank für die wertvollen Tips! Über C.S.Lewis habe ich schon viel von MacDonalds gehört. Leider ist mein Englisch nur sehr unzureichend. Aber ich werde mich mal so gut ich kann durcharbeiten.
    Oh ja, der europäische Gerechtigkeitsbegriff unterscheidet sich auch sehr vom scholastischen und scheint mir teilweise eher schräg und ungereimt. Sollte man vielleicht mal ein Wort drüber schreiben. Aber nach dem Festessen heute nehme ich mir erst mal die Texte zur Brust.
    Gruß von Duderstadt nach Gießen!

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