Ein klares Wort zur Taufe

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Manchmal hat ein Wort gleich mehrere Bedeutungen. Wenn mein italienischer Freund „peccato“ sagt, dann kann das „Pech gehabt“ oder „leider“ heißen. Es kann auch eine „Schande“ bedeuten und es meint im Sprachgebrauch der Kirche die Sünde.
Dem Wort „peccatum“, das im Lateinischen für Sünde steht, geht es ähnlich. Der heilige Thomas meint mit dem Wort sehr wohl eine Sünde die man tut. Es ist eine glatte Sünde, ein peccatum, wenn ich meinem Nachbarn ohne Grund die Gardine in Brand stecke.
Es ist aber auch ein peccatum, wenn eine Hasenmutter ein Junges mit drei Ohren bekommt. Das sind wohl sehr verschiedene Dinge. Das mit dem Feuerlegen ist ein Vergehen. Es ist aber von niemandem ein Vergehen, wenn eine Hasenmutter ein missgebildetes Junges gebiert. Das ist vielmehr so etwas wie Pech.
Ich schreibe diese holprige Einleitung, damit dem eventuellen, zukünftigen Thomasleser etwas klar wird. Sünde ist Sünde, aber nicht jede Sünde ist gleich eine wirkliche Sünde. Wenn sich also jemand in das Abenteuer wirft und die Welt des Meisters betritt, dann sollte er gleich wissen, das Wort peccatum meint nicht immer das gleiche.
In seinem Buch über das Übel schreibt er es einmal selbst:
„Alles, was nicht in Ordnung ist, wird peccatum genannt, sowohl in der Natur, als auch in der menschlichen Kunstfertigkeit, und auch im sittlichen Handeln. Mit Schuld hat das peccatum aber nur dort zu tun, wo der freie Wille im Spiel ist.“
Man muss also immer etwas genauer hinsehen, was gemeint sein könnte, wenn man beim heiligen Thomas lesen geht.

Wie ist das aber mit unserer Frage? Wofür starb Christus? Man wird jetzt sicher meinen, natürlich nur für das, was mit dem freien Willen zu tun hat. Christus ging sicher nur für diejenige „Sünde“ ans Kreuz, die wir in Schuld haben.
Hier kann man mit ziemlicher Entschiedenheit sagen, dass das nicht stimmt. Christus ging wohl für Dich und mich ans Kreuz. Aber zunächst einmal ging er für eine „Sünde“, für die wir gar nichts können.
Um einmal bei der Bedeutung des Wortes „peccato“ meines italienischen Freundes zu bleiben, ging Christus zunächst für etwas, mit dem wir im wahrsten Sinn des Wortes Pech gehabt haben. Ähnlich wie die Hasenmutter Pecht hatte, wenn ihr Kleines ein Ohr zuviel hat. Weder sie, noch das Junge kann etwas dazu, es ergab sich schlicht ein Defekt in den Genen. So ähnlich hat die klassische, christliche Lehre auch immer vom Menschen gesprochen. Er wird einfach mit einer Art genetischem Fehler geboren, den Christus erst einmal in Ordnung bringen wollte, indem er ein ganz neues, repariertes Menschsein neben das alte, defekte in die Welt setzte.
Wenn man so möchte, ist die Taufe die Reparaturwerkstatt. Ein priesterlicher Freund hat bei einem Vorgespräch zur Taufe den ahnungslosen Eltern vor den Kopf gesagt: „Sie wissen aber, dass ihr Kind bei der Taufe stirbt, gell?“ Das war von Seiten der Diplomatie etwas grob. Es traf den Nagel aber auf den Kopf und kein Wort war falsch. Es ist gut biblisch und theologisch sehr sauber, wenn wir sagen, in der Taufe sterben wir mit Christus, um gleich wieder mit ihm zu einem neuen Leben zu erstehen.

Das ist jetzt alles sehr drastisch, aber ich glaube, die Eltern bringen ihre Kinder nicht mehr zur Taufe, weil sie nicht mehr um das Drastische der Taufe wissen. Sie meinen häufig, die Kleinen sollten erst groß werden und dann selbst entscheiden, welche Religion sie annehmen. Sie sollen schließlich auch selbst entscheiden, welche Farben ihr Trikot später im Stadion haben wird. Man sollte den guten Willen nicht übersehen, aber wirklich christlich gesprochen heißt das, dass da ein Elternpaar gar nicht weiß, was die Taufe bedeutet. Auch Thomas lässt es nicht an Klarheit fehlen. Geistlich gesprochen bedeute die Taufe so etwas wie vom (noch) nicht Leben ins Leben herüber zu gehen, schreibt er einmal in der kleinen Summe. Welche Eltern möchten ihrem Kind das neue Leben nicht schenken, das sie selbst schon haben?

Zusammengefasst bedeutet das Opfer Christi erst einmal: Er wusste, dass mit der Menschheit wurzeltief etwas aus der Ordnung mit Gott geraten war. Das musste erst einmal getilgt werden. Sein Opfer behob so etwas wie eine Art genetischen Defekt, der uns alle erwischt hat, und der das Verhältnis mit dem Schöpfer wieder in Ordnung brachte. Wenn die Alten nun sagen, in den Sakramenten werde uns die Wirkung aus dem Opfer Christi zugesprochen, dann meinen sie, was Christus sagt: Er gibt nicht nur sein Leben, er gibt uns damit auch ein ganz neues, nämlich mit ihm. Man kann es auch so sagen: Vor der Taufe sind wir Kinder Adams, nach ihr sind wir Kinder Gottes. Man möchte das in dieser Klarheit nicht immer hören, aber was ist eine Kirche wert, die nicht so deutlich spricht, wie ihr Herr, der sie in die Welt brachte?

Quelle:
De malo 2,2,co: „Quilibet enim actus inordinatus potest dici peccatum vel naturae, vel artis, vel moris. Sed rationem culpae non habet peccatum nisi ex eo quod est voluntarium.“

ScG IV, 59,1: „Et primo quidem circa spiritualem generationem, quae per Baptismum fit, considerandum est quod generatio rei viventis est mutatio quaedam de non vivente ad vitam.“

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11 Kommentare zu “Ein klares Wort zur Taufe

  1. Finde das einen der schwierigsten Punkte, den Defekt, wie du ihn nennst. Wie geht das zusammen mit dem Glauben an einen guten Schöpfer? Wenn wir keinen Sündenfall zu Vorzeiten mehr annehmen, hat der Schöpfer, der es eigentlich gut meint, einen riesen Fehler – bewusst – in die Schöpfung eingebaut. Der christlich gern unternommene Verweis auf das Geschenk der Freiheit, das seinen Preis hat, verfängt hier nicht. So viel Leid in der Menschheitsgeschichte ist dann doch eher ein Defekt als die Kehrseite eines Geschenkes. Ich glaube, dass das nicht vereinbar ist. Der nicht gute Mensch, die nicht gute Schöpfung und ein eigentlich guter Schöpfer. Diese Spannung kann in meinen Augen nur der Glaube und die Hoffnung aushalten.

  2. Hier begegnen sich zwei Fragende. Auch wenn ich jetzt in aller gebotenen Vorsicht meinen Glauben bekenne und den „Defekt“ auf eine schuldhafte Handlung in ferner Verganganheit zurückführe, so bringt mich das auch nicht weiter in der Frage, die wir vermutlich beide haben: Wenn ein Defekt vorliegt, wie wird er weitergegeben und worin besteht er genau?
    Über die Frage der konkreten Weitegabe haben die Alten kräftig gestritten, wobei sie den vorliegenden Defekt wohl, wie ich übrigens auch, als eine empirisch ermittelbare Sache hielten: Der Mensch ist eben nicht von Natur aus heilig, wie er im Prinzip sein könnte. Das heißt, biblisch gesprochen, er muss sozusagen noch einmal ganz neu mit Gott anfangen. Wir wissen das erst seit Christus, aber es ist wohl einhellig die klassische, christliche Lehre. Das genaue Wie wird vermutlich immer etwas von der Blackbox behalten.
    Die Frage, wie wir das mit dem gütigen Gott zu vereinbaren ist, stelle ich eigentlich nie, weil ich dann dem Allmächtigen meine Maßstäbe von Güte aufzwinge. Wir können von Gott nicht erwarten, dass er sich gefälligst an den kategorischen Imperativ zu halten hat.

  3. Mit der Vereinbarkeit hast schon recht. Gott unterliegt weder der Vernunft noch muss er tun, was für uns vernünftig ist. Ich finde gerade dies nur den Glauben manchmal sehr anfechtend, das muss ich ehrlich sagen. Luther hat es mal ganz gut gesagt, wie ich finde. Im Licht des Glaubens, so schreibt er in de servo, ist dieser Widerspruch nicht aufgelöst, aber der Glaube kann ihn aushalten. Er vertraut dennoch. Erst im Licht der Herrlichkeit wird alles (für uns) klar sein. That’s it.

  4. Yo, wir tun hier wenigsten was für den Weltfrieden. Finde, wir sollten das mal bei den Herrn Nobel eireichen. 🍺
    Übrigens, Benni, ich habe im Sinn, dem Buch, an dem ich gerade schreibe, einen ziemlich ausführlichen Anmerkungsapparat beizugeben, in dem nicht nur die lateinischen Quellen zu finden sein werden, sondern auch etwas umfangreichere Kommentare zu meinem Kommentar. Dabei soll es dann etwas wissenschaftlicher zugehen und meine unwissenschaftliche Schreibweise für die theologischen Feinschmecker ausgleichen und meine Argumente etwas polstern. Wenn der Kommentar im Blog einigermaßen rund wird, mache ich mich ans Werk und schreibe den Kommentar, der dann nicht im Block erscheint. Dabei werden mir Deine Kommentare und die der anderen sehr nützlich sein. Also immer feste druff, das gibt Material. Dank Dir also schon jetzt.

  5. Druff immer gerne. 🙂 Nee im Ernst, mittlerweile gehört dein Blog fest zu meiner Tagesstruktur und ich freue mich auf jeden Artikel. Nur wie es ist, ich kann so schlecht schweigen. 😉 Das klingt in jedem Fall nach nem sehr spannenden Vorhaben. Hat dein Philosophie vom Fass eigentlich grad Sommerpause? Ich hab ja immer noch vor ist, mal reinzuschauen, aber wie es immer so ist…

  6. Genau, Sommerpause. Ich überlege zudem, ob ich das Konzept nicht irgendwie ändern soll. Wenn ich die Treffen allein moderiere, dann läuft es, wie Du Dir denken kannst, mehr oder weniger auf die scholastische Methode hinaus. Daran haben aber naturgemäß nur wenige Interesse und der Kreis bleibt sehr klein und die Frage groß, ob sich das lohnt. Steffi schätzt es nicht so, wenn ich nach dem langen Arbeiten abends für wenig Lohnenswertes aus dem Haus marschiere. Andererseits habe ich ziemlich Bock. Ich denke gerade über Themenbezogene Abende nach und hätte große Lust mal was zum Antisemitismus zum Beispiel zu machen. Ideen?

  7. Ja ja, der Sex-Appeal der scholastischen Methode, das ist so eine Sache. 😉 Insgesamt find ich so Formate cool. Aber wenn ihr nur sehr wenige seid, dann ist das natürlich wirklich blöd. Wird das denn irgendwo beworben? Vielleicht anderer Name?! Eigentlich wäre das doch auch was für Leute wie meine Ma, die mich langsam theologisch überholt, sich aber wahrscheinlich von einem Titel wie „Philosophie vom Fass“ eher abschrecken lässt. Weil das dann so hoch klingt und so.
    Aber egal. „hätte große Lust mal was zum Antisemitismus zu machen“ ist ein grandioser Satz. 😉 Meinst theologisch oder gesellschaftlich/politisch? Bei letzterem gibt es natürlich im Augenblick einiges, aber so tagespolitischer Rummel ist doch eher nicht deins, oder?! Theologisch fällt mir jetzt nicht ganz so viel ein. Da wird es eher antjudaistisch als antisemtisch wie z.B. beim guten alten Lutherus.

  8. Das mit dem Antisemitismus würde ich gern in Verbindung mit meinen jungen, islamischen Freunden aus der Schule machen. Mit denen habe ich schon viele Gespräche, insbesondere über den Nahostkonflikt geführt. Sind wirklich nette Jungs, mit sehr festen Meinungen bei völliger Ahnungslosigkeit, was die historischen Tatsachen angeht. Die würde ich gern zu sowas einladen. Lust hätte ich auch an christlich-islamischen Gesprächen oder so.
    Den Themenabend zum Reformjubiläum machst natürlich DU! Keine Frage.

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