Wie Thomas die Unveränderlichkeit Gottes erklärt

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Thomas hat vor seiner großen Summe noch eine kleinere geschrieben, obwohl die auch ein beängstigend dickes Buch ist. Die ersten hundertzwei Kapitel dieser kleineren handeln alle von Gott, und sie sind von unglaublicher Gründlichkeit und Tiefe. Das sechszehnte Kapitel hat die für uns wichtige Aussage, obwohl man ihm das nicht unbedingt gleich ansieht. Ich übersetze die Überschrift einmal wörtlich: „Gott hat keine negative Potenz.“
Das sind im deutschen Hausgebrauch erst einmal Wörter, die nie benutzt werden, oder wenn, dann ganz anders. Also eine kurze Erklärung.
In der klassischen Schule hat jemand Potenz, wenn er entweder etwas selbst machen oder wenn etwas mit ihm geschehen kann. Die eine Potenz ist aktiv, die andere passiv.
Ich habe zum Beispiel die aktive Potenz, gleich in der Eisdiele meines Freundes zu sitzen. Ich muss mich nur dahin begeben und überlege gerade ernsthaft, ob ich diese Potenz nicht gleich in die Wirklichkeit überführen soll. Das heißt, ich kann hinfahren.
Sollte ich das tun, dann habe ich aus der Potenz einen Akt gemacht, weil ich dann aktuell da bin. Jetzt bin ich aktuell zu Haus, in Potenz beim Eismann. Bin ich bei ihm, bin ich aktuell dort und in Potenz daheim. Aktiv ist die Potenz, weil ich selbst die Initiative ergreifen kann.
Passive Potenzen haben wir ebenso jede Menge. Wenn die Sonne auf uns einstrahlt, dann erleiden wir einen Sonnenbrand, und die Sonne hat das mit uns angestellt. Das bedeutet, wir haben eine passive Potenz, verbrannt zu werden. Ebenso haben wir die passive Potenz, plötzlich von Freude oder Trauer ergriffen zu werden.

Der heilige Thomas behauptet nun, Gott könne überhaupt keine passive Potenz haben, weil er ewig ist. Seine Ewigkeit, sagt er, schließt das kategorisch aus. Ich hätte große Lust, das jetzt in der Breite darzulegen, wie Thomas das gemacht hat. Das würde den Rahmen aber sprengen.
Doch vielleicht so viel: Ewig sein heißt absolut keinen Anfang und kein Ende haben. Ewig sein heißt nicht gemacht sein und von niemandem außer aus sich selbst heraus existieren. Das ist jetzt alles nicht mehr wirklich vorstellbar. Ich würde mit Thomas aber meinen, die Logik der Sache fordert es trotzdem, sobald man die Ewigkeit so weit denkt, wie man sie denken kann.
Entscheidend ist: Wenn es das Ewige gibt, dann kann es nicht sein, dass es aufhört, ansonsten ist es nicht ewig. Thomas sagt, der ewige Gott hat keine passive Potenz, nicht zu sein. Auf gut Deutsch, dem Lieben Gott kann nichts passieren.
Von einem etwas anderen Winkel angeleuchtet kann man sagen, wenn Gott ewig ist, dann ist er unveränderlich, denn wenn er ewig ist, dann ist er als Ganzes ewig, dann ist nichts in ihm, das nicht mit ihm ewig wäre. Also kann es in ihm keine Veränderung geben. Das hieße ja, dass etwas an ihm einmal nicht war und jetzt ist. Das würde bedeuten, an Gott tut sich was. Das aber würde seine Ewigkeit aufkündigen, und das ist nicht denkbar, solange mit Ewigkeit wirklich Ewigkeit gemeint ist.
Ich bin nun ein bisschen im Nachteil, weil ich seit zweieinhalb Jahrzehnten gewohnt bin, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Deshalb weiß ich nicht, wie das für jemanden ist, der sich mit Sachen beschäftigt, die für das praktische Leben weit wichtiger sind.
Vielleicht klingt das für einen Neuling der Metaphysik etwas schnell und schräg, aber wenn wir uns hier vornehmen, an der Hand des heiligen Thomas durch die Landschaft zu laufen, dann müssen wir uns auch mal daran begeben, zu lauschen, wie er persönlich argumentiert. 
Gott hat bei ihm also eine Seite, die von außen sozusagen völlig unberührbar und unangreifbar ist, und die muss gehalten werden.
Ich habe vom praktischen Leben gesprochen. Das gibt es auch im religiösen Sinn. Es ist aber so, dass die praktische Seite der Religion, also das, was man tut oder lässt, von der theoretischen Seite her genährt wird. Wenn wir an einen Gott glauben würden, der einen dicken Bauch hat, dann würde das irgendwann auch unser praktisches Glaubensleben formen. Wir würden anders glauben und irgendwie anders den Glauben leben. Vor allem aber würde das auch unser Weltbild irgendwann umformen. Thomas sieht das sehr genau, und deshalb wendet er viel Mühe auf, von Gott zu sprechen, auch wenn das manchmal eher trocken und fremd über uns kommt.

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4 Kommentare zu “Wie Thomas die Unveränderlichkeit Gottes erklärt

  1. Für einen in der Metaphysik nicht ganz so firmen ist das schon ziemlich schwere Kost. Um so besser, dass du dich der Vermittlung stellst. Nun meine Frage : Ich versteh (und hab ich auch noch nie) die vollkommen logische Notwendigkeit nicht, dass ewig sein heißt, unveränderlich zu sein. Kann es nicht auch ewige Veränderung geben oder ist das ein Widerspruch in sich? Oder heißt eine solche Gotteslehre wie du sie hier vertrittst genauer einfach, Gott ist in seinem Sein und in seinen Eigenschaften ewig? So würde ich die logische Notwendigkeit verstehen. Wäre Gott in seinem Sein und seinen Eigenschaften ewig, dann wäre er notwendig unveränderlich. Er könnte doch aber ewig sein und gleichzeitig veränderlich? Das schließt sich so nicht notwendig aus. Hab ich mich jetzt rauschgeschossen oder dich mit…?

  2. Es gibt diese philosophische Vorstellung der ewigen Veränderung. Aber wenn man mit dem Aquinaten denkt, dann ist das, wie Du vermutest, ein Widerspruch in sich und eher ungereimt. Thomas gibt allerdings zu, dass eine ewige Veränderung in der Schöpfung denkbar ist und legt sich damit auch gleich mit allen frommen Theologen, wie etwa mit seinem Kollegen Bonaventura an. Die sagten nämlich, ein schöpferischer Anfang der Welt sei philosophisch denknotwendig. Thomas dagegen sagt, der Anfang der Welt sei reine Glaubenssache, die Welt könne durchaus als eine ewige Schöpfung gedacht werden.
    Eine ewige Veränderung in der Schöpfung ist denkbar, nicht aber im ewigen Gott, da wird es, wie gesagt, ungereimt.
    Ups, muss los, meinem Kumpel die Bude tapezieren und streichen. Zweite Teil folgt.

  3. Es ist, wie Du vermutest. Konsequent durchdacht muß Gott, um ewig und Schöpfer sein zu können unveränderlich und einfach sein. Schöpfung heißt zweierlei. Einem jeden Seienden das Sein verleihen und einem jeden Seienden das Sein erhalten, solange es ist. Das braucht ein stabiles Wurzelwerk. Vor allem aber kann die Gottheit nicht aus Wesen und Sein zusammengesetzt sein, was auf alles, was nicht Gott ist, zutrifft. Zusammengesetzt sein heißt ja zusammengesetzt worden sein. Das Prinzip von absolut allem, also von allem, was geworden ist, kann nicht auch werden oder geworden sein. Geworden sein heißt vergehen können, und das ist das Wesen jeder Veränderung.

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