Von Problemen, die nicht ganz gelöst werden können

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Zurück zum Meister also. Thomas argumentiert nicht immer gleich. Wenn man bei ihm einsteigt, dann sollte man wissen, er ist im Allgemeinen sehr ruhig und bedacht. Er schreibt stets sachlich und immer so, dass er zunächst versucht, seine Gegner zu verstehen. Er ist allerdings auch sehr selbstbewusst und weiß, was er kann.
Seine Antworten beginnen stets mit dem für Lateinliebhaber wohl etwas holperigen „dicendum quod“, was nicht weniger heißt als „hierzu ist folgendes zu sagen“. Er schreibt nicht „vielleicht könnte man das auch so sehen“. Er meint tatsächlich: „Wer imstande ist, ordentlich zu denken, der muss eigentlich zu folgendem Schluss kommen.“
Thomas ist auch recht forsch, wenn er Dinge beschreibt, die man seiner Ansicht nach beweisen kann. Wenn er aber über Gott schreibt und wie man ihn eigentlich sehen muss, dann spürt man, dass er um unser Dilemma mit der Schwäche und Stärke Gottes weiß. Er behauptet, Gott sei unveränderlich und unangreifbar. Es gibt eine Seite Gottes, die nicht leiden kann.
Wenn er unzählige Male schreibt, die Sünde der Welt sei eine Beleidigung Gottes, dann weiß er im Hinterstübchen, dass man Gott in seiner Gottheit, gar nicht beleidigen kann; wenigstens nicht so, dass er sozusagen den Beleidigten geben muss.
Auf der anderen Seite stellt Christus (und übrigens längst auch das Alte Testament) uns eine Seite Gottes vor, die betroffen ist, die Mitleid hat, in dem Sinne, dass wirkliches Mit-Leiden gemeint ist. Gott sieht das Elend seines Volkes, war schon immer der einzige, wirkliche Trost der Juden.
Ich bin mir sicher, Thomas sieht das Dilemma. Er sieht aber, dass beide Positionen unbedingt gehalten werden müssen, um nicht sträflich einseitig zu werden.
Wir hören bisweilen Redner, die vollmundig nur das eine entdecken und das andere glatt übersehen. Die einen verkünden den Heiland, der seine komplette Allmacht hinter sich ließ und der vor lauter Liebsein ganz schwach geworden ist. Andere geben uns den gerechten Endzeitkämpfer, an dem alles Elend herunter perlt, wie wenn es nichts wäre.
Bei Thomas in der Schule habe ich immer das Gefühl, er beschreibt wohl beide Extreme seines Problems haargenau, er tut das aber so, dass er einseitige Reden vermeiden kann.
Es gibt da ein grundsätzliches Problem mit uns: Wir können nicht gut damit leben, dass unsere Rechnungen nicht aufgehen. Wir mögen es nicht, wenn ein Rest bleibt, ein Problem, das wir nicht gelöst haben. Jedes Puzzle, in dem ein Teil fehlt, nervt.
Wenn Eugen Biser seinerzeit groß verkündete, Gott straft nicht und fertig, dann bestand die Erleichterung nicht nur darin, dass unsere Sünden eigentlich nicht mehr interessieren. Es gereichte auch zur Beruhigung, endlich einen Gott zu haben, der keine bohrende Frage mehr ist. Auch das gegenteilige Extrem, das des fernen, unberührbaren Herrschers, wird darin zur Versuchung, dass es uns sagt, wir wissen endlich Bescheid über den Allmächtigen.
Bei Thomas aber bleibt der Rest. Da bleibt immer noch eine bohrende Frage, die uns Gott wahrscheinlich erst im Himmel endgültig auflösen kann.
Es ist hier wie mit dem Problem, wie eine wirkliche, menschliche Freiheit mit der göttlichen Vorsehung zusammen gebracht werden kann.
Wann immer ich versuche, die Dinge bis zum Ende zu denken, bleibt hinten dieser Rest, eine kleine, bohrende Frage, die noch offenbleibt und das Ganze ein wirkliches Problem bleiben lässt. Wir wissen eben nicht alles und Gott behält sich offenbar vor, die großen Fragen erst am Ende wirklich aufzulösen. Wenn einer „wenn ich nicht alles erfahre, dann glaub ich gar nichts“ sagt, dann soll er es sagen und gehen. Er marschiert dann aber an all dem Vielen vorbei, das wir wissen können.
Thomas ist sich mit dem Philosophen einig: Ein bisschen von Gott erfahren ist weitaus großartiger als viel von seinen Geschöpfen.
Aber auch bei Thomas bleibt also dieser Rest und es ist ein Zeichen von Genie, genau diesen anzuerkennen.

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Ein Kommentar zu “Von Problemen, die nicht ganz gelöst werden können

  1. Und ich muss es wieder sagen: Großes Tennis! „Ein bisschen von Gott erfahren ist weitaus großartiger als viel von seinen Geschöpfen.“ Toller Satz!

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