Sind die Sakramente für viele oder für alle?

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Es gibt bei den katholischen Profis deutscher Sprache einen Streit, der schon eine Weile anhält und der immer wieder mal aufflammt. Es ist ein Streit, der sich um ein einziges, lateinisches Wort in der Messe dreht. Dieses Wort heißt „pro multis“. Es gehört zu den Worten, die Jesus zu den Jüngern sprach, als er ihnen seinen Leib und sein Blut anvertraute.
Das war beim letzten Abendmahl, und dem katholischen Glauben nach war das die erste Messe. Weil diese Worte so zentral sind, werden diese Worte bis heute in jeder Messe, ganz gleich, wo sie gefeiert wird, genau so ausgesprochen.
Man kann in der Messe viele Worte machen, aber hier, in ihrem innersten Kern müssen die Worte immer haargenau gleich sein, ansonsten ist die Messe keine Messe.
Und als Jesus den Wein in sein Blut verwandelte, da sagte er: „Das ist mein Blut“, „das ‚pro vobis et pro multis effundetur‘, für euch und für viele vergossen wird.“

Papst Benedikt hatte gebeten, einfach korrekt und wörtlich zu übersetzen und den Text zu ändern. Man solle sich ruhig Zeit nehmen und den Gläubigen die Änderung in Ruhe erklären.
Wenn man getan hätte, was er wollte, dann wäre alles kein Problem gewesen. „Pro multis“ heißt „für viele“, und fertig. Ich bin, wie gesagt kein guter Lateiner. ich weiß aber, dass „pro multis“ „für viele“ heißt. Wenn ein Lateinschüler „pro multis“ mit „für alle“ übersetzt, wird das rot angestrichen und ein Fehler an den Rand notiert. In der deutschen Messe, die wir gewohnt sind, hören wir aber immer, Jesus habe sein Blut „für alle“ vergossen.
Irgendwer hat da früher etwas schludrig übersetzt, damit die deutschen Besucher der Messe „für alle“ und nicht „für viele“ hören. Das wollte der Papst schlicht korrigiert wissen. Wie gesagt, tat man nicht, was der Papst wollte, deshalb brauchen die Prediger den Leuten auch keine Erklärung abgeben.
Hier aber, wo es um eien Blick auf das Sakrament geht, passt sie ganz gut. Es stimmt nämlich beides. Jesus hat sein Blut sowohl für alle, als auch für viele vergossen. In katholischer Sprache kann man sagen, er hat in seinem Blut die ganze Menschheit erlöst, aber nicht alle nehmen die Erlösung in Anspruch.
Wenn den Königen früher Söhne geschenkt wurden, dann gab es ein Fest für das ganze Volk. Es gab Wein für alle. Wenn aber jemand keinen Wein trinken wollte, dann hat er eben nicht von dem genommen, was für alle vorgesehen war. Also haben nur viele und nicht alle davon getrunken.
Der heilige Thomas sagt einen schönen Satz: Die Kraft des Leidens Christi wird uns durch den Glauben und die Sakramente übertragen. Die Weise ist allerdings verschieden. Für die Verbindung durch den Glauben braucht es einen Akt der Seele. Die Verbindung in den Sakramenten vollzieht sich durch das Mittel der äußeren Dinge (die in den Sakramenten gebraucht werden).
Wenn der König den kostbaren Wein im Volk verteilt, hat sich jeder zu entscheiden, ob er mitfeiert und trinkt oder nicht. Diese Entscheidung fällt jeder für sich und in seinem Inneren. Thomas nennt so etwas hier einen Akt der Seele. Die Entscheidung kann so schnell und selbstverständlich von Statten gehen, wie ein Augenzwinkern. Wer Lust hat zu trinken, braucht nicht lange nachdenken. Dennoch, auch beim schnellsten Trinker fällt ganz kurz eine Entscheidung. Wenn er zum Brunnen läuft, dann trinkt er, so viel er mag. Das Trinken ist, um in der Sprache des Thomas zu bleiben, die Anwendung äußerer Dinge. Der Wein kommt eben von außen, vom königlichen Hof und landet als süßer Trank im Magen und als Rausch im Schädel.
Das ganze kann auf die Sakramente angewendet werden. Der innere Akt der Seele ist auch hier eine Entscheidung und auch hier eine Art Bedingung. Es ist die Entscheidung, dem König über den Weg zu trauen und ihm Glauben zu schenken, oder eben nicht. Fällt sie positiv aus, dann gibt es die Gaben der Sakramente, die immer etwas Äußerliches, Bildhaftes an sich haben. Ob der Mensch nun geht oder nicht, das liegt an der Güte der Verkündigung und an seiner freien Entscheidung. Da gehen eben nur „viele“, wobei manche heute sagen, es kommen nur noch wenige.

Quelle: Sth III,62,6,co.  „Virtus passionis Christi copulatur nobis per fidem et sacramenta, differenter tamen, nam continuatio quae est per fidem, fit per actum animae; continuatio autem quae est per sacramenta, fit per usum exteriorum rerum.“

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2 Kommentare zu “Sind die Sakramente für viele oder für alle?

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