Glaube und Verdächtigung

Bildschirmfoto 2014-08-08 um 16.32.03

In der Zeit unserer Pubertät hatte ich einen Kumpel, der war eindeutig zu lang geraten. Fühlen tat er sich aber immer, als sei er zu kurz gekommen. Seine schlacksige Figur hätte sich gut in einem Film mit Dick und Doof gemacht, und seine launige Unzufriedenheit auch. Aber es war ja die Zeit der Pubertät, da hat man das Recht mit der Deutung seiner Welt heillos daneben zu liegen.
Die Pubertät ist die Zeit der Verdächtigungen. Die Eltern sind keine guten, die Schule will uns sowieso nur vom Leben abhalten und man selbst passt irgendwie so wenig in die eigene Welt wie in die Hosen vom letzten Jahr. Bei den meisten ging das mit der Zeit wie von selbst wieder weg, und man wurde wieder zahm. Außer bei einigen Leuten, da schienen sich die Wolken der allgemeinen Verdächtigung zu halten.
An meiner ersten Uni gab es einen von Männern befreiten Raum, in den nur Frauen durften. Ich hatte das nicht mitbekommen, und als ich ihn zum ersten und letzten Mal betrat und mich setzte, hörte ich nach kürzester Zeit von irgendwo: „Wenn der Kerl da nicht sofort geht, sag ich hier kein Wort mehr.“ Da war er, der festsitzende Verdacht gegen die vermeintlich herrschende Klasse. Auch in den linken Kreisen meiner Freunde, hing immer eine Art Generalverdacht gegen alles Herrschende in der Luft. 
Erst viel später ging mir auf, dass man mit einer solchen Haltung auf die Dauer nicht leben kann. Heute glaube ich sogar, es gibt eine Art heiliger Pflicht, sich gegen eine solche Welteinstellung aktiv zu wehren, um frei davon zu werden.
Ich will jetzt keiner rührigen Vertrauensseligkeit das Wort reden, im Gegenteil. Man braucht schon einen wachen und kritischen Verstand, um zu den besseren Dingen zu gelangen. Als ganzes aber braucht es, um zum Leben zu kommen sehr wohl eine allgemeine Einstellung, glauben zu wollen.
Wenn ich die Güte der Frau an meiner Seite verdächtige und ihr nicht glaube, dass sie über Nacht ihrer besten Freundin war, dann ist das Verhältnis schon irgendwie kaputt.
Niemand betritt einen Raum, dessen Tür zufallen kann, wenn er dem Pförtner nicht über den Weg traut. Was ist aber, wenn nur in einem solchen Raum die Schätze verborgen sind, die mein Leben schön machen wollen?
Einen solchen Raum hat der Schöpfer uns mit seiner Kirche auf die Erde gestellt. Christus hat versprochen, sie nicht zu verlassen, im Heiligen Geist haben wir die Zusage, dass er sie weiter formen und leiten wird. Diese Sätze sollte auf die Weise des Glaubens nehmen, wer katholisch leben will.
Die Kirche hat von außen gesehen zwar jede Menge Runzeln und dunkle Stellen, ihr Inneres aber ist ausgeschlagen mit feinstem Gold, das nicht von der Erde stammt.
Meine Erfahrung lehrt mich, dass man zweimal katholisch wird. Einmal als Baby und ohne sein eigenes Dazutun. Das zweite Mal ist das bewusste und in einem Alter, in dem man reif genug ist, freie Entscheidungen für sein Leben zu fällen.
Viele verlassen den Raum der Kirche einigermaßen unüberlegt. Wer ihn später aber wieder betritt, der hat sich in aller Regel seine Gedanken gemacht.
Wie gesagt, es geht hier gar nicht darum, eine gefährlichen Vertrauensseligkeit schön zu reden. Es geht wahrscheinlich eher darum, eine gesunde Mitte zu finden, zwischen ihr und der Atmosphäre des Misstrauens.
Ich weiß wohl, der böse Onkel gibt einem erst Schokolade und später einen auf die Nase. Aber einer Mutter ihre Güte nicht abnehmen, das bringt einem um den Genuss einer guten Kindschaft.
Ich sage das, um langsam wieder auf das Sakrament der Eucharistie zu sprechen zu kommen, zu dem es manches zu sagen gibt. Eins aber ist es auf jeden Fall: Es ist das Sakrament derer, die glauben und wird in jeder Messe laut vernehmlich das „Geheimnis des Glaubens“ genannt. „Glauben“, sagt der heilige Thomas, „ist notwendig als das Prinzip des geistlichen Lebens“, und um das Leben zu vermitteln, dazu haben wir das Sakrament bekommen.

Quelle:
Sth II-II,16,1,ad1: „Fides est necessaria tanquam principium spiritualis vitae.“

Advertisements

Ein Kommentar zu “Glaube und Verdächtigung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s