Der fremde und der nahe Gott

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Jeder Gläubige gibt der Gottheit seine Namen. In meiner Heimat wird sie von den Alten meistens „Herrgott“ genannt. Die Kinder sagen in aller Regel „Lieber Gott“; man kann Gott „den Allmächtigen“, „den Dreifaltigen“ oder „den Erlöser“ nennen. Thomas wird das auch so gemacht haben, aber im Geschäft seines Berufes als Professor hat er ein paar Lieblingsnamen für ihn, die einen im Alltagsgebrauch eher befremden, es wird dann nämlich unpersönlich und weltfremd der Sache nach.
Was würden wir denken, wenn ein Kind um die Ecke käme, um seinem kleinen Brüderchen zu sagen, er müsse noch sein Abendgebet zum in sich selbst gründenden Sein verrichten. Wir würden schön dreinschauen, wenn einer uns bäte, wir sollten doch bitte bei der ersten Wahrheit für ihn Fürbitte halten.
So aber nennt Thomas den Lieben Gott bei seiner Arbeit, und das hat gute Gründe.
Jesus hat uns gelehrt, seinen göttlichen Vater auch unseren Vater zu nennen. Also ist Gott väterlich, lieb und – was ich wohl nie ganz verstehen werde – sogar irgendwie verletzlich.
Wenn man sich aber in der klassischen Theologie bewegt, dann muss man dazu sagen dürfen, Gott ist nicht nur das. Natürlich ist er lieb und gütig, so möchte er von uns gesehen werden. Er ist aber nicht nur das.
Zunächst einmal ist er „die Gottheit“ und als solche hat er auch eine formelle Seite. Er ist, als Gottheit eben, der Geber allen Seins, der Schöpfer, der alles im Sein hält, solange es existiert. Er ist das grenzenlose Sein und das einzige, das aus sich selbst heraus Bestand hat.
Wenn die Juden und Muslime sich bis heute nicht gestatten, sich Bilder von Gott zu malen, dann hat das gute Gründe, und die liegen hier, in der formellen Seite der Gottheit, um es einmal so zu sagen. Wenn man Gott sieht, wie wir hier gerade, dann würde der Maler etwas Unmögliches versuchen. Wer kann schon etwas grenzenloses darstellen?
Seit Christus uns die wirkliche Väterlichkeit Gottes gelehrt hat, können wir dieser Seite Gottes auch wieder unsere Farben geben. Aber von der metaphysischen Seite Gottes Skizzen machen, das gehört sich nicht, eben, weil es nicht geht. Etwas Unmögliches anfangen kann nur Falsches hervorbringen.

Gott ist also auch die erste Wahrheit, von der alles Wahre ausgeht, und an dem sich alle Wahrheit misst. Diesen Namen gibt der heilige Thomas ihm hier, im ersten Kapitel über das Glauben.
Er zeigt allerdings auch den Konflikt auf, nämlich gleich im ersten Einwand. Dort heißt es: „Geglaubt wird offenbar, was man uns zum Glauben vorlegt.“ Das sei aber gerade nicht nur diese formelle, erste Wahrheit, sondern auch alles, was auf die Menschheit Christi, die Sakramente und die Lage der Menschen bezogen ist. Also müsse man doch sagen, der Glaube beziehe sich nicht (nur) auf Gott, insofern er die erste Wahrheit sei.
Thomas besteht aber drauf, und in der Mitte seiner Antwort kommt der entscheidende Satz: Der Glaube gebe doch zu den Dingen, die hier besprochen werden, nur deshalb seine Zustimmung, weil sie von Gott offenbart worden sind.
Also sticht der Glaube mit seiner Spitze erst einmal zur Mitte durch, oder wenn man so möchte, der Glaube macht seinen Anker fest am Grund der Quelle, im Zentrum dessen, aus der dann alles kommt. Also ist erst einmal die Gottheit der Gegenstand des Glaubens, in sofern sie die erste und ursprünglichste aller Wahrheiten ist. Alles andere kommt ja aus ihm. Es ist dem Thomas offenbar wichtig, das gleich zu Beginn zu betonen. Dann aber holt er alles wieder ein und sagt, wenn man nun von den Inhalten des Glaubens ausgehe, dann seien es natürlich auch die vielen, einzelnen Dinge, die angesprochen wurden und geglaubt werden.
Ich habe diese Unterscheidung immer für sehr wichtig gehalten. Meine Gebete gehen natürlich an den gütigen Vater, an den gerechten Gott und an seinen geliebten Sohn und den Heiligen Geist. Um aber einen einigermaßen aufgeklärten Glauben zu haben, wird es nicht unbedeutend sein, zu wissen, dass mein Glaube mitten in der unbegrenzten, ersten aller Wahrheiten festgemacht hat.

Quelle:
Sth II-II,1,1

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