Glaube mit oder ohne Liebe?

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Thomas macht eine eigentümliche Unterscheidung, die damals offenbar viel weniger unbekannt war als heute. Er spricht vom „geformten“ und „ungeformten“ Glauben, und den Glauben zu formen sei die Sache der Liebe.
Thomas spricht hier von der Liebe, die er Caritas nennt und meint damit die Liebe, die Gott zu uns hat und die, die wir zu ihm haben. Es geht um den Glauben an Gott, und so geht es auch um die Liebe zu Gott. Seine Diskussion in der Summe ist auch sehr förmlich. Einwände wie „der Glaube ist eine Sache des Verstandes, die Liebe aber des Willens, also kann doch die Liebe den Glauben nicht formen“, kamen mir immer vor wie Marmorkuchen ohne Sahne. Aber Thomas ist so. Man braucht schon etwas Durchhaltewillen, um das ganze zu durchschreiten. Thomas diskutiert die Dinge sozusagen philosophisch vor Philosophenschülern. Das ist nunmal so.
Um aber die grundsätzlichen Zusammenhänge zu beleuchten, brauchen wir diese Höhen erst gar nicht zu erklimmen. Wenn wir an den schon besprochenen Satz der Eltern: „Wir glauben an dich!“, ein „weil wir dich lieb haben“, anhängen, dann trifft das schon einigermaßen ins Schwarze.
Wenn ein Nachbar seinem Nebenbuhler glaubt, dass der ihm seinen Reifen nicht zerstochen hat, dann glaubt er ihm zwar irgendwie. Im Sinne des heiligen Thomas aber würden wir sagen können, dieser Glaube habe nicht die richtige, innere Bauform und sei eigentlich gar kein guter, fertiger Glaube. Die Nachbarn können sich eben nicht leiden und glauben eher widerwillig.
Wenn mir mein bester Freund dagegen etwas viel Unwahrscheinlicheres versichert, dann glaube ich ihm, weil er mein Freund ist. Eine Stufe tiefer betrachtet, glaube ich ihm, weil ich ihn liebe, wie Freunde einander lieben. Hier, könnte man mit Thomas sagen, hat der Glaube seine Vollkommenheit erreicht. Wenn mein Freund nicht irrsinnig geworden ist und noch alle Sinne beisammen hat, und wenn wir wirklich einander Freunde sind, dann glaube ich ihm alles.
Ich hatte schon öfter Gelegenheit mit einer ehemaligen Satanistin zu sprechen. Richtige Satanisten glauben an Gott. Sie glauben an ihn und hassen ihn. Da waren Leute in der Truppe, deren Leben teilweise bedauernswerte Aneinanderreihungen von Lieblosigkeit und Leid gewesen war. Irgendwann haben sie den Allmächtigen für ihr Elend verantwortlich gemacht und ihre Abneigung hatte sie in den Hass getrieben. Sie waren nicht zum Schluss gekommen, Gott könne es nicht geben. Ihr tragischer Schluss war gewesen, Gott sei hassenswert.
Die klassische Lehre zitiert hier gern mal den Jakobusbrief im zweiten Kapitel. Dort heißt es: „Du glaubst: Es gibt nur den einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern.“ Auch das wäre ein Beispiel für eine Art Glauben, der seine richtige Form entweder noch nicht gefunden oder verloren hat. Der ungeformte Glaube ist ein Glaube, aber er hat das vielleicht Allerwichtigste nicht. Er liebt denjenigen nicht, dem er sozusagen zu glauben gezwungen ist.
Der von der Liebe geformte Glaube hat also noch etwas bei sich, das nicht nur glauben bedeutet. Die Liebe ist eine Kraft, die bejahend ist. Sie sagt ein glockenhelles Ja zur Existenz des Gegenüber. Ganz gleich, ob wir ein Glas Wein lieben, ob wir schnelle Autos mögen oder ob wir einen Menschen lieb haben. Immer feiert die Liebe, dass es das Geliebte gibt auf der Welt. Der ungeliebte Nachbar am Gartenzaun kann uns dagegen gestohlen bleiben.
Wenn ich als Kind meiner Mutter geglaubt habe, dass Gott ein Lieber ist, dann war dabei auch irgendwo eine Lust, meiner Mutter zu glauben, weil ich sie lieb hatte. Glauben wir einem Freund etwas Unwahrscheinliches, dann ehren wir ihn, wenn wir ihm glauben, während die ganze Welt ihn belächelt,und es macht Freude, einen Freund zu ehren.
Der beiläufige Satz, die Liebe sei eine Sache des Willens, wird uns etwas klarer, wenn wir bedenken, dass wir in der Liebe sowohl das Dasein des Geliebten, als auch das Zusammensein mit ihm wünschen.
Ein Glaube ohne Liebe kommt also nie wirklich zu sich. Nebenbei gesagt kann ich daher auch nicht ganz verstehen, wie man kirchlich glauben soll, ohne die Kirche zu lieben, die mir den Glauben bringt, die ihn bewahrt und mir die Sakramente ermöglicht. Und um den Skandal perfekt zu machen, kann ich bekennen, dass ich den Papst liebe, weil er aufpasst, dass man mir den Glauben der Kirche nicht auseinander schraubt.

Quellen:
Sth II-II,4,3
ad Rom 5,1:
„Charitas Dei autem dupliciter accipi potest. Uno modo pro charitate qua diligit nos Deus, (…)alio modo potest dici charitas Dei, qua nos Deum diligimus.“

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2 Kommentare zu “Glaube mit oder ohne Liebe?

  1. Nicht alle Leser leiden unter einer Papstphobie: Also es ist vollkommen normal, den Papst zu lieben, weil er den Glauben der kath. Kirche nicht auseinander schrauben kann. Ein Skandal wäre es anders herum.

  2. Stimmt, nicht alle Leser leiden unter darunter. Aber „Liebe zum Papst“ geht dann aber doch vielen auch ohne Infekt etwas zu weit. Ich werde glaub ich heute noch ein Wort dazu schreiben.

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