Thomas und die schlechten Priester

Bildschirmfoto 2013-12-27 um 11.58.40Ein Kommentar zu einigen Gedanken des heiligen Thomas zur Eucharistie, Teil 2.

Ich habe mit dem Problem der Moral in der Kirche begonnen und muss wohl jetzt damit fortfahren. Mein Problem mit der Moral ist nicht, dass die Kirche eine Morallehre hat. Mein Problem mit der Moral ist eher zweierlei. Erstens, dass man allgemein zu glauben meint, die Kirche sei eigentlich um der Moral willen da und zweitens, dass man offenbar annimmt, die Morallehre der Kirche komme aus ihr. Zuerst zum zweiten: Die Morallehre des heiligen Thomas, um dessen Schätze es mir hier ja geht, ist im Grunde eine Tugendlehre. Den gesamten Teil der praktischen Tugenden übernimmt er aber aus der griechischen Antike, die Jahrhunderte vor Christus ihre Blüten trieb.
Thomas beschreibt und lobt die alten Kardinaltugenden, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und praktische Maßhaltung. Die haben bereits Sokrates, Platon und Aristoteles zum Thema gehabt und hinreichend behandelt. Thomas muss hier gar nichts dazu erfinden. Die Tugendlehre der Kirche gibt es lange vor ihr und ist kein Eigentum der Christen.
Der Anteil der sogenannten, theologischen Tugenden, die wir aus der Bibel haben, also Glaube, Hoffnung und Liebe, sind keine moralischen Veranstaltungen, wie man es übrigens von der Tugendlehre überhaupt kaum sagen kann. Dass man die Tugendlehre für eine Lehre vom brav gezähmten Bürgertum hält, verdankt sich gewissen Verbiegungen der Neuzeit.  Bei Thomas ist die Lehre von den Kardinaltugenden, wie in der Antike, keine Lehre vom guten Betragen, sondern eine vom gekräftigten und lebenstauglichen Menschen. Auch die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe sind keine Benimmregeln, sondern Geschenke, mit deren Hilfe wir in der Erkenntnis der offenbarten Wahrheit unserem Ziel näher kommen und nicht aus der Schiene gleiten.
Die Tugendlehre der Kirche ist eigentlich gar nicht ihr Werk und ihr Eigentum. Sie ist eine Lehre der praktischen Vernunft, um es einmal in der Sprache der Thomasleser zu sagen. Die Christen fordern den Schutz des Lebens an dessen Grenzen nicht, weil es zum Missionsauftrag der Kirche gehört, sondern, weil er vernünftig ist. Natürlich wollen wir das Leben schützen, weil es heilig ist. Das ist aber kein Argument im Gespräch mit denen, die nicht an Heiligkeit glauben.
Wenn die Morallehre der Kirche ihr Eigentum wäre, dann hätten wir kein Recht, Nichtchristen zu bitten, ihr zu folgen. Für den Schutz des Lebens kann man mit Sokrates und Aristoteles eigentlich besser plädieren, als mit dem heiligen Paulus, dem zu folgen die Gegner nicht verpflichtet sind. Auch dass man die Ehe nicht brechen soll, sollte man nach außen hin wohl besser mit der Vernunft verantwortlichen Denkens verteidigen. Ich weiß auch nicht, wie ich die Anerkennung behinderter Menschen als vollwertige Personen mit der Bibel rechtfertigen sollte.
Wenn man Politiker zur Aufgabe der Kirche befragt, kommt in aller Regel die hilflose Leier von der Vermittlung gewisser Werte. Das sind aber gar keine, die spezifisch kirchlich sind. Die Politiker fordern doch, dass wir die Werte der bürgerlichen Korrektheit verkünden. Die spezifischen Werte der Kirche wären solche wie Gottesliebe und Frömmigkeit. Dass wir die vermitteln, verlangt keiner von uns.
Frömmigkeit und Gottesliebe aber gründen nicht in der Moral, sondern in der Wahrheit, und die sollte in der Kirche eher zum Thema werden. Unsere gängigen Predigten verkündigen hilflos einen Glauben, insofern er gut für das Leben und nützlich für die Welt ist. Man sollte ihm aber doch eher anhängen und nachgehen, weil man ihn für richtig hält. Deshalb sollten unsere Amtsträger nicht immer nur daran gemessen werden, ob sie uns auch brav das gute Leben vorleben. Man sollte sie vielmehr danach abklopfen, ob sie mutig die Wahrheiten des Glaubens verkünden und ordentlich die Sakramente unter die Leute bringen.
Im zweiundachtzigsten Kapitel des dritten Buches der theologischen Summe stellt Thomas sich der Frage, ob ein schlechter Priester die Eucharistie konsekrieren, also die Messe feiern könne. Nach heutiger Laune jagt man die Bischöfe empört durch die Straßen, wenn sie nur im Verdacht stehen, die moralischen Standarts nicht zu erfüllen.
Thomas antwortet ganz anders und folgt der Lehre der Kirche, die diese Frage im vierten Jahrhundert bereits entschieden hatte: Ein Priester feiert die Messe nicht aus eigenem Vermögen, sondern als Diener Christi, in dessen Person er die Messe feiert. Es höre aber jemand nicht auf, ein Diener Christi zu sein, wenn er ein schlechter Diener wird. Vielmehr gehöre es zur Erhabenheit Christi, der Gott ist, dass er sich das Gute und das Schlechte dienstbar machen könne.
In meiner Familie hieß es immer, man muss die schlechten Pfarrer überleben, aber nie ist einer wegen einem nicht mehr zu den Gottesdiensten gelaufen. Sie wollten die Beichte und die Eucharistie, und die gibt es immer noch bei jedem Priester.

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