Ist alles gut, was Gott fügt?

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,37: “Gott ist gut.”

Wenn ein Kapitel aus der Feder des heiligen Thomas „Gott ist gut“ heißt, dann müssen wir tun, was die Philosophen immer machen: Wir müssen etwas genauer über die Wörter nachdenken, die gebraucht werden. Im Fall des Wortes „gut“ ist das besonders bedeutsam, weil wir es in aller Regel als ein „gut für etwas ganz bestimmtes“ meinen, und da können gute Sachen für den einen zu schlechten Sachen für den anderen werden.
Wenn man einem Gefangenen etwas köstliches zum Essen bringt, dann ist das wohl ein gutes Werk. Es ist gut für seine Gesundheit und gut für sein Wohlbefinden. Versorgt man ihn aber nur so gut, damit er bei seiner Hinrichtung nicht so krank ausschaut und eine bessere Figur macht, dann würden wir das weniger gut nennen. Wenn eine Mutter seinem Kind weitere Süßigkeiten untersagt, dann ist das gut für die Gesundheit und schlecht für die Laune des Kleinen. In ähnlicher Weise liegt es menschlich sehr nahe, auch Gott entsprechend zu beurteilen. Wie in früheren Kapiteln angedeutet, wird Gott nicht selten auf die Anklagebank seiner Kinder zitiert, um sich für seine unterlassene Hilfeleistung zu rechtfertigen. Es liegt sehr nahe beim Kind Gottes, sich zu beschweren, dass er den Vater hat sterben lassen. Die Menschen sehen, dass Unrecht geschieht und sagen, Gott könne kein guter sein, weil er es nicht verhindert. Kurz gegorene Theologen lassen schon mal verlauten, der Gott, den sie sich malen, könne gar nicht zugelassen oder gar gefordert haben, dass die Menschheit im Opfer seines Sohnes erlöst worden sei. Der heilige Thomas hat in seinem gewaltigen Werk auf die großen Fragen natürlich prima Antworten parat und manche Herrschaften aus den heiligen Wissenschaften wären gut beraten, darin einmal nachzusehen, bevor sie der Öffentlichkeit vollmundig ihre ganz eigenen Ergebnisse zumuten.
In seinem Gott ist gut-Artikel führt der Aquinate das Wort gut auf eine für uns wahrscheinlich eher ungewöhnliche, für ihn aber typische Weise ein. „Für ein jedes Ding ist es gut, perfekt zu sein“, schreibt er wörtlich.
Nun könnte man wieder erst einmal über das Wort perfekt streiten. Wir können es hier allerdings auch ganz einfach in seiner umfassendsten Bedeutung nehmen. Ein perfektes Messer ist ein gutes Messer. Es schneidet optimal und liegt bestens in der Hand. Natürlich gibt es das perfekte Messer an sich nicht, weil jedes irgendwo doch einen Fehler hat und weil irgendwo ein irgendwie besseres herumliegen kann. Es kann aber jedes Messer so perfekt sein, wie genau dieses perfekt sein kann.
Ein perfektes Dinner ist ein Dinner, wie es eigentlich nicht besser sein kann und bei dem alles stimmt, was man sich vorstellt. Auch da ist das Essen so gut, wie es perfekt ist. Das das gute Dinge sind, wird kaum verwundern. Thomas hätte allerdings keine Scheu, den perfekten Mord auch einen guten Mord zu nennen. Natürlich kann der Verstoß gegen das fünfte Gebot nicht gute Sache gepriesen werden. Aber ein perfekter Mord hat eine perfekte Seite und daher auch eine gute, nämlich insofern etwas gut geplant, gut durchgeführt und gut vertuscht wurde. Es geht hier, wie gesagt, um das Wort Perfekt und in wieweit alles Perfekte gut genannt werden kann. Thomas meint, wie gesagt, dass ein jedes Ding insofern gut genannt werden kann, insofern es eine Perfektion hat oder zumindest in die Richtung geht. Gott, sagt er, ist in allem ganz perfekt, wie schon gesehen wurde. Er ist ohne jeden Abstrich und ohne das kleinste Defizit. Damit ist er auch in jeder Hinsicht ganz gut.
Wenn man so möchte, ist das eine Aussage, die vor aller moralischen Beurteilung liegt. In seinen Gedanken über das Wollen des göttlichen Willens sieht der Lehrer sehr deutlich, dass die Entscheidungen Gottes Seiten haben, die wir für uns in keiner Weise als gut einschätzen können. Auch in den Beschlüssen Gottes fühlen wir uns nicht immer gut und es scheint oft sehr verständlicher Weise als eher schlecht, was Gott sich mit uns anschaut. Thomas würde den Schöpfer aber jederzeit zu verteidigen wissen, in dem er im gemeinten Sinn erst einmal sagen kann, perfekt aber sind sie, die Ratschlüsse Gottes, und das wird jeder irgendwann sehen.

Zum Kapitel 37 bei Thomas.

7 Kommentare zu “Ist alles gut, was Gott fügt?

  1. es ist richtig, daß sie perfekt sind, die ratschlüsse gottes und wir werden es auch sicher irgendwann (spätestens am ende) sehen, wofür sie gut waren. das glaube ich auch und das muß ja auch irgendwie so sein. wo wäre sonst der sinn des ganzen.
    jedoch stellt sich mir hier die frage, wie man es auf lange sicht aushält, wenn sich dieses leben gegen einen entschieden zu haben scheint. wenn einen das leid das ganze leben lang begleitet oder es sogar ausmacht. wenn krankheit und verluste das leben bestimmen..
    dann ist es doch eher sehr schwer zu sagen, daß ist gut. da stellt einen der glaube doch auf eine sehr harte probe. manche menschen erfahren unendliches leid und haben so gut wie keine schönen erfahrungen im leben, auf die sie zurückgreifen können. das ist unendlich traurig und noch schwerer dort einen sinn zu erkennen.. womit für mich die frage: hat leiden einen sinn? wieder im raum steht.. ich bin unsicher, vielleicht sind meine gedanken dazu auch nicht richtig..

  2. Hm, mir scheint da die Differenzierung zwischen „gut“ und „perfekt“ etwas tautologisch. Wie ich den Text jetzt verstanden habe, ist etwas gut, weil es perfekt ist, wobei „perfekt“ wiederum „gut“ bedeutet („Ein perfektes Messer ist ein gutes Messer.“). Das heißt, etwas ist gut, weil es gut ist.

    (Was allerdings, um den Grund meines Einwands zu nennen, auch am deutschen Wortgebrauch liegen könnte: Im Lateinischen verstehe ich, auch hier bei Thomas, „perfectus“ in erster Linie als „vollendet“, und mit dieser Bedeutung wäre es für meine Begriffe stringent(er): Etwas ist gut, weil es vollendet ist. Ein gutes Messer wäre dann eines, das bspw. in seiner Schärfe vollendet ist; ein gutes Dinner eines, das bspw. in seinem Geschmack vollendet ist; ein „guter“ Mord wäre einer, der bspw. in seiner Vertuschung vollendet ist. Und weil Gott nicht nur vollendet, sondern die Vollendung selbst ist, ist auch alles, was er macht, gut, da vollendet.)

  3. @Epigonias: Danke für den Hinweis. Du hast natürlich Recht, ich habe das Wort perfect eigentlich gar nicht übersetzt, und an das „vollendet“ habe ich auch schon gedacht. Das hat mir allerdings etwas zu stark seine charakterliche Betonung auf den Abschluss eines Gemachtwerdens, und die trifft nicht auf alle Perfektionen zu. Manche übersetzen auch mit „vortrefflich“. Das Wort war mir irgendwie zu strange. Aber es stimmt, perfectus und bonus wird geradezu tautologisch gehandelt. Ein bisschen wie Sein und Gutsein, Wahrsein und Wirklichsein und so weiter. Die Begriffe perfekt sein und gut sein meinen wohl in der Tat eine Sache von zwei Hinsichten her beleuchtet. Aber ich überlege, ob ich Deinen Einwand noch irgendwie wo einbaue.

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