Die neue Lehre in der neuen Kirche

Josef Pieper in jungen Jahren.

Die kirchliche Lehre hatte bis vor kurzem einen festen Bestandteil auf dem Stundenplan. Der gehörte ungefähr so fest zum Ganzen, wie das Torwarttraining zum Fußball. Dieser Bestandteil hieß Tugendlehre und ist seit einiger Zeit aus dem Plan verschwunden. Der letzte kirchliche Denker, der durch die Tugendlehre ein großer Star in Deutschland wurde, hieß Josef Pieper. Eine ganze Generation las seine Bücher, die in die Sprachen aller Länder übersetzt wurden, in denen man Druckereien finden konnte.

Wenn ich richtig beobachte, hatte der außergewöhnliche Erfolg der pieperschen Tugendlehre seinen Grund in einem großen Erschrecken, das die Menschheit nach den Zeiten des Nationalsozialismus ergriffen hatte. Die Nazizeit hatte den Leuten drastisch vor Augen geführt, wie sehr der Mensch verkommen und zum Tier werden kann. In diesen Schrecken hinein verfasste Pieper seine Tugendlehre, die eigentlich nichts anderes war, als eine Besinnung auf die uralte Menschenlehre des heiligen Thomas. Wie dann klar wurde, hatte er diese zu guten Teilen aus seiner katholischen Tradition und der Überlieferung der alten Philosophen.
Pieper, der selbst erschrocken gewesen war, fand eine geniale Sprache und zeigte sich als Meister der Übersetzung. Im Grunde aber schrieb er nur nieder, was die katholische Christenlehre in der Tugend immer schon über den Menschen gesagt hatte: Der Mensch kann ein guter Mensch sein! Er kann es werden und seine größte Freude ist es, einer zu sein.

Als ich einmal einen Vortrag über die Tugenden zu halten hatte, war das ziemlich leicht. Ich brauchte nur ankündigen und übersetzen, was Pieper als Tugendlehre eine Generation vor mir niedergeschrieben hatte. Ich erinnere mich, wie ein alter Schullehrer gerührt aufstand und fragte, warum das niemand den Kindern beibringe.

Die Tugendlehre ist aus der Kirche verflogen, wie der Alkohol aus dem Schnaps, den man verkocht. Sie ist zur gleichen Zeit verdampft, wie das Wissen von den Heiligen. Wenn ich nachdenke, werde ich einen Verdacht nicht los: Die Leute haben keine Freude mehr zu erfahren, wie man ein guter Mensch wird, weil sie nicht mehr hören wollen, dass man auch ein schlechter werden kann.

Josef Pieper hatte die Tugendlehre nach den Wirren des Krieges und den verrückten Zeiten des Nationalsozialismus geschrieben. Plötzlich hatte sie einen Sitz im Leben: Die Lehre vom Menschen, der gut werden kann, passte zur Epoche, wie der Wind in die Segel.

Heute sind die Zeiten anders. Nicht lange nach Piepers Büchern entstand eine andere, dieses mal ganz neu erfundene Lehre, die mit nicht weniger Begeisterung aufgenommen wurde. Es erschienen Bücher, in denen man sich erleichtert vom Teufel verabschieden konnte. Es gab keine Hölle mehr und deshalb brauchte man auch nicht mehr groß vom Himmel sprechen, weil sowieso jeder reinkam. Der Mensch stand vor Gott, nicht aber vor dessen Gericht. Das Neue an dieser Lehre war ein neuer Entwurf von Gottes Liebenswürdigkeit. Zwischen dem Tod und dem Himmel wurde eine neue Instanz eingezogen. Das, was früher der Augenblick des Gerichtes genannt wurde, war jetzt ein schlichtes Offenbaren von Gottes herrlicher Liebenswürdigkeit. Dieser Anblick würde jeden, ganz gleich, wer er im Leben geworden war überzeugen und überwältigen. Am Ende würde niemand mehr Nein zu Gott sagen können. Alle würden in diesem Anblick alles einsehen. Die Opfer würden ihre Schmerzen vergessen und die Täter ihr perverses Verhalten. Irgendwie würde in diesem Augenblick alles verdampfen, was von Gott trennt. Alles, was aus Menschen Tiere gemacht hatte und alles, was aus Schurken Heilige zu machen vermocht hatte, würde hier gleichgültig sein, wie die Mittagsbrise von gestern.

Wenn ich richtig sehe, ist diese neue Lehre alles in allem zur allgemeinen Überzeugung der neuen Kirche geworden, die sich gerade etabliert und nach vorne drängt. Und wenn ich mich als jemand hineindenke, der seit zwei Jahrzehnten in mittelalterlichen Büchern stöbert, komme ich mir fast vor wie ein Fossil, das nach urlanger Zeit irgendwo auftaut und die neue Welt noch nicht richtig versteht.
Die neue Lehre ist sehr schön und hübsch zu nehmen. Sie hat allerdings überhaupt keine Grundlage; weder in einer kirchlichen Tradition, noch in den heiligen Schriften. Jesu Tränen über Jerusalem, sein Kreuz, sein Sprechen vom Gericht über die, die ihn verraten; sein Kampf mit den Mächten der Finsternis; all das sind spannende Geschichten. Sie haben aber für niemanden von heute mehr einen wirklichen Wert und Bedeutung. Wenn Gott mir am Ende erscheint und alles, was ich war und bin, in der großen Liebe verdampft, dann brauchte Jesus eigentlich gar nicht für mich sterben. Das hätte er auch lassen können.

8 Kommentare zu “Die neue Lehre in der neuen Kirche

  1. >>Wenn ich nachdenke, werde ich einen Verdacht nicht los: Die Leute haben keine Freude mehr zu erfahren, wie man ein guter Mensch wird, weil sie nicht mehr hören wollen, dass man auch ein schlechter werden kann.<<

    "Spruch der Woche" würde ich sagen. Mit einem Gott, der erst seinen Sohn opfert und dann im Reißverschlussverfahren die Menschen in den Himmel prügelt will ich nix zu tun haben. So einen grausigen Gott kann es gar nicht geben.

  2. Ich bin Anfang 40 und ich weiß seit meiner frühen Teenagerzeit, dass ich als braves Mädchen 😉 Spaßbremse und Langweiler schlechthin bin. Nur Böse sein ist sexy und cool oder hot (was gerade das in-Wort ist). Wo jemand gut ist, tugendhaft, da ist er doch lieber stille drüber. Wer aber Schlitzohr ist, Abzocker oder sonstwie sich Vorteile und Bekanntheit verschafft, der gilt als bewunderswert. So ist jedenfalls das Spiel der Medien.
    Man schämt sich gut zu sein.
    Traurig.

    Kennst du — http://www.tugendprojekt.de/index2.html –? Es ist überkonfessionell. Das beste daran ist, die Tugenden erst überhaupt nochmal zu benennen. Denn plötzlich kann ich dann sehen wo Stärken, aber vor allem wo auch Schwächen sind. Und wenn es an einer Tugend, z.B. Disziplin hapert, dann kann ich die Schuld nicht mehr anderen zu schieben und quengeln, sondern dann bin ich gefragt eben die Tugend zu entwickeln, zu praktizieren. Sehr unbequem.
    Erst da ist mir bewusst geworden, wieviele Tugenden heutzutage verpönt sind, wieviele überhaupt nicht mehr genannt werden. Welch ein Wandel!

  3. Willkommen im neuen eiapoppeia – Wohlfühlchristentum, in dem Jesus nur noch als Sinnverstärker herhalten darf, um uns die Tiefendimension einer diesseitigen Lebensorientierung aufzuschließen. Religion – ein Wellnessangebot unter vielen. Es fällt mir oft wahnsinnig schwer, meinen Glauben in mein Leben ehrlich zu integrieren, aber ich bin katholisch geworden, weil mir klar wurde, dass eine zusammengeschusterte Patchworkreligion nichts wahrhaftiges an sich hat. Die Kirche stellt mich infrage – und das ist gut so! Gottes Zorn ist nur die Kehrseite seiner Liebe, oder wie Robert Spaemann einmal sagte: „Die Sonne die uns wärmt ist dieselbe, die uns auch verbrennen kann, das liegt aber nicht an der Sonne – sondern an den Verhältnissen auf der Erde.“
    Die Trennung zwischen Glaube und Ethik ist eine künstliche, und dem Christentum nicht wesensgemäß. Zu denken, dass alles was wir tun schon irgendwie in Ordnung ist, ist pures Heidentum, und kann sich ehrlicherweise nicht mehr christlich nennen. Natürlich – die Hoffnung, dass wenn wir vor dem Richterstuhl Christi stehen, und im Lichte seiner Liebe unser Leben ganz verstehen werden (inklusive den Dingen, die wir zu irdischen Lebzeiten nicht verstehen wollten), dass dann doch alles gut gewesen ist, ist auch meine Hoffnung. Aber ich hoffe das für alldiejenigen, die ohne den Glauben an Chrstus gestorben sind, und die doch von anderen geliebt wurden, aber ich weiss auch: Für verstorbene Freunde, die den Glauben an Gott stets abgelehnt haben, bietet das Christentum für die gläubigen Hinterbliebenen nicht viel tröstliches. Leider Gottes. Wünschen wir uns nicht alle, tief in unserem Herzen, Ewigkeit in Glückseligkeit? Ja der Gedanke schmerzt, dass es die enge Pforte gibt, und die ewige Verdammnis, aber ich halte im Glauben daran fest, weil Jesus selbst davon gesprochen hat. Das dieser Aspekt des Glaubens in der Verkündigung immer mehr ausgespart wird, ist ein durch nichts zu entschuldigendes Versäumnis, und schmälert die Glaubwürdigkeit der Kirche. Die Rede von der Hölle ist auch die Rede von unserer Freiheit – das sollte man nicht vergessen!!

  4. Johannes,
    „Dann hätte er es auch lassen können“. Ja, das ist genau die Haltung. Und wenn *Jesus* es auch hätte lassen können, für mich zu sterben, dann kann ich es auch lassen, die Gebote zu halten, in die Kirche zu gehen usw. usf. Dann sind wir bei der Wohlfühlreligion von heute. Modern und falsch.

    Doch ganz abgesehen von diesem wie immer treffenden Beitrag erlaube ich mir hier eine vollkommen themenfremde Anmerkung: In vier Stunden ist das EM-Finale, und es fehlt noch Dein Tipp..:-)

  5. Eine ähnliche Erfahrung habe ich mit der Naturrechtslehre gemacht. Kurz nach dem Krieg gab es nicht nur unter christlichen, sondern auch unter nichtchristlichen „humanistischen“ Rechtsgelehrten einen regelrechten Boom, eine glorreiche Renaissance der Naturrechtslehre. Wie auch anders. Wie hätte man denn die Massenmörder vor das Gericht in Nürnberg stellen,wenn man ihnen nicht hätte vorhalten können, daß sie zwar nicht gegen das positive Recht verstoßen hatten, sich aber „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ hatten zuschulden kommen lassen. Einer der Mitgründer der Humanistischen Union, Fritz Bauer, hielt ein flammendes Plädoyer gegen denRechtspositivismus und für die Naturrechtslehre. http://www.humanistische-union.de/wir_ueber_uns/geschichte/geschichtedetail/back/geschichte/article/fuenf-minuten-rechtsphilosophie-und-rechtsgeschichte/ Heute ist dies alles vergessen, Benedikts Rede über das Naturrecht vor dem Bundestag stieß auffälliges Missverständnis. Was ist das? Braucht unsere übersättigte Gesellschaft kein Recht und keine Tugend mehr?

  6. »Wenn ich richtig sehe, ist diese neue Lehre alles in allem zur allgemeinen Überzeugung der neuen Kirche geworden, die sich gerade etabliert und nach vorne drängt.«

    Wer etabliert sich gerade und drängt nach vorn? Diese neue Lehre oder die neue Kirche? – Dass sich diese neue Lehre in der Kirche ausgebreitet hat, stimmt wohl, aber innerhalb der Kirche kann sie eigentlich nicht mehr weiter vordringen und hat ihren Zenit wohl überschritten. Außerhalb der Kirche drängt sie eigentlich auch nicht nach vorn, da die Säkulargesellschaft schon weiter ist und bereits Gott über Bord geworfen hat. Die neue Kirche schließlich drängt eigentlich auch nicht nach vorn, sondern ist längst sklerotisch geworden.

  7. (Wieder mal) ein hervorragender Artikel! Herzlichen Dank!

    Der Philosophen Plotin (ca. 205-270 n.Chr.), ein Heide, argumentierte folgendermaßen gegen die Gnostiker:

    „Und das gilt wider sie als Zeugnis: Sie haben keinerlei Untersuchung über die Tugend angestellt. Die Behandlung dieser Fragen fehlt überhaupt bei ihnen. Sie lehren nicht, was ihr Wesen ist und wie viele Teile sie hat; nichts von den vielen hervorragenden Untersuchungen, die die Schriften der Alten enthalten, nicht, woraus die Tugend sich ergeben soll und erworben werden kann, nicht, wie die Seele geheilt und gereinigt wird. Zu sagen: ‘Schaue auf Gott’, das richtet nichts aus, wenn man nicht auch unterweist, wie man dazu gelangen kann. Denn man kann ja recht wohl auf Gott blicken, ohne sich irgendeine Lust zu versagen oder seine Aufwallung zu zügeln; man kann in alle Leidenschaften verstrickt sein, braucht gar nicht den Versuch zu machen, sie irgendwie auszutreiben, und kann dabei doch des Namens ‘Gott’ gedenken. In Wahrheit aber zeigt den Weg zu Gott die Tugend, die in der Seele sich fortschreitend entwickelt im Bunde mit der Einsicht. Wenn man ohne die echte Tugend von Gott redet, so ist das ein leerer Name.“ (Enneaden II 9,33)

    Ich erlaube mir, Deinen Beitrag als Ergänzung bei mir zu verlinken:
    http://frischer-wind.blogspot.de/2012/06/tugend-ist-gefragt_30.html

    … und hoffe, dass Dein Server nicht wieder schlapp macht, sonst geht es mir mit diesem schönen Beitrag so wie mit Deinen Ausführungen über die Barmherzigkeit… 😉

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