Der Glaube, das Gefühl und das Denken

Kommentar zur Summe wider die Heiden von Thomas von Aquin.
Scg I,11 „Zurückweisung und Widerlegung der zuvor angeführten Argumente“, Teil 1:
„Der Glaube, das Gefühl und das Denken.“

Wenn mich jemand fragen würde, worin ein bedeutender Unterschied zwischen der Zeit des heiligen Thomas uns unserer liegt, würde ich das Denken nennen. Ich würde besser gesagt meinen, dass das Denken früher eine große Autorität, ja, die eigentliche Autorität war. Heute ist das nicht so. Heute ist an Stelle des Denkens das Fühlen getreten. Vor Zeiten hatte das Denken zu sagen, das Denken war der Chef im Haus. Irgendwann hat sich das Gefühl aufgemacht, die Bastionen gestürmt und sich auf den Thron gesetzt, der ihm – mittelalterlich gedacht – nicht zusteht.
Das beste Beispiel ist die moderne Ehe. Niemand springt entsetzt auf und protestiert, wenn jemand sagt, er verlasse seine Familie und seine Kinder, weil er nichts mehr für sie fühlt. Das geht als völlig in Ordnung durch, wie wenn jemand sagt, er müsse etwas essen oder er müsse schlafen gehen. Das funktioniert erst, wenn das Gefühl den Thron besteigt. Als das Gefühl noch irgendwo im Parlament saß und nicht mehr zu sagen hatte, als andere auch, hätte das Argument nicht gegolten. Jeder hätte gesagt: „Was Du gerade fühlst oder nicht, hat nichts zu sagen. Bedenk doch mal dieses oder jenes!“ Der Unterschied ist nicht, dass man das nicht sagt. Auch heute sagen die Anwälte der Ehe, der Betreffende solle doch mal nachdenken. Entscheidend ist, dass sich der Mensch nicht mehr für das entscheiden muss, was er denkt, sondern eben, was er fühlt.
Ich kann am besten erläutern, was ich meine, wenn ich in zwei Worten die Geschichte eines Bekannten beschreibe, der sich irgendwann einmal für das katholische Leben, dann wieder dagegen entschieden hat. Er hatte den Glauben mit größter Freude angenommen, vor allem, weil er ihm seine Welt erklärte und die großen Lebensfragen beantworten konnte. Er fühlte sich sicher und geborgen, und der Glaube gab ihm Halt. Mit wehenden Fahnen lief er in die Kirche und ließ sich in sie hinein taufen. Irgendwann kam er und sagte, er habe den Weg innerlich wieder verlassen und erkannt, dass er jetzt seinem Gefühl folgen müsse; und dieses Gefühl habe ihm gesagt, dass ihm das alles in seiner Situation gar nicht gut tue.
Auch da hätte man zur Zeit des heiligen Thomas wahrscheinlich überall gesagt, das sei alles ganz normal, wie in der Ehe. Gefühle kommen und gehen. Wer sich von ihnen treiben lässt, der wird eben hin und her getrieben. Man darf sich beim Segeln nicht nach dem Wind richten, sondern nach den Befehlen des Kapitäns, der schon mal beschließt, dass man gegen den Wind anzusteuern hat. Anders erreiche man den Hafen nicht. Dagegen sagen die Abgesandten des Gefühls heutigentags, der Hafen sei gar nicht mehr entscheidend. Entscheidend sei lediglich, dass man fahre und immer die Brise im Rücken genießen könne.

Wenn wir in unserem Kommentar fortfahren wollen, dann sollten wir diesen Umstand bedenken. Wir segeln nämlich auf die Gottesbeweise des heiligen Thomas zu, und bei denen ist die entscheidende Frage eigentlich immer: Was kann man denken, und was nicht. Man machte sich derartige Mühe, auf dem Weg des Denkens über die Gottesfrage zu entscheiden, weil man davon ausging, dass die Entscheidung auch wirklich etwas entscheiden würde. Heute müssen sich die Schüler der Philosophie nur noch im ersten Semester mit den Gottesbeweisen beschäftigen, wie wenn sie zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen früher mit Faustkeilen ihre Äpfel geschält haben.

Als Thomas seine Summe schrieb, waren die Argumente in aller Munde, mit denen der heilige Anselm per Gedanken nachweisen wollte, dass es Gott gibt. Thomas nennt Anselm nicht mit Namen, weil er nicht nur gegen ihn allein spricht, sondern ebenso gegen manche Zeitgenossen, die hinter seinen Thesen standen. Im dritten Kapitel des Büchleins „Proslogion“ hatte der heilige Anselm zum Beispiel gesagt, man könne eigentlich nicht mehr wirklich denken, dass es Gott nicht gibt, sobald man mit Gott auch wirklich Gott meine. Er sagt sogar, dass jene „Toren“, die im Psalm gesagt hatten, es gebe keinen Gott, dass die vor lauter Dummheit gar nicht wirklich gedacht hätten. Dagegen spricht Thomas sich aus, indem er das Denken der Toren als wirkliches Denken anerkennt.
Ich muss sagen, dass ich das alles ziemlich spannend und bedeutend finde, sogar für mein eigenes Leben. Damit aber bekenne ich mich wohl als ziemlich mittelalterlich.

Hier gehts zum elten Kapitel in Latein

Hier kann auch das Proslogion in seinen entscheidenden Passagen nachgelesen werden

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6 Kommentare zu “Der Glaube, das Gefühl und das Denken

  1. Pingback: »Heute ist an Stelle des Denkens das Fühlen getreten.« « Ultramontan

  2. Mir scheint das Problem hier einigermaßen einen wunden Punkt zu treffen, der weitere Kreise beschreibt. Mal sehen, vielleicht eröffnen wir mal einen Seitenarm der Argumentation, insofern sie den Rahmen meines laufenden Kommentars sprengt.

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  6. Ich würde schon gerne sagen, dass Anselm sehr wohl Recht hatte darin, dass Beweisbare zu beweisen, indem er dadurch zeigen konnte, was Denken ist. Eer trennt also anders als Thomas nicht Vorgang und Gegenstand im Gottesbeweis und eben dies ist ja sein Beweis. Etwas nur Wahrscheinliches bzw. Vermutetes mittels Beweis zu etwas Wahrem zu machen hielte ich dagegen für nicht durchführbar. Aber erst mal lesen, was kommt. Diese Art Klärung will gewissermaßen zuviel leisten, vgl. Aristoteles.

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