Wenn uns jemand, den wir nicht besonders leiden mögen, erzählt, wie viele Leute an einem Unfall beteiligt waren, dann mögen wir seine Aussage für wahr halten. Wir würden wohl sagen, dass wir glauben, was er sagt. Auf eine genauere Frage, ob wir ihm persönlich glauben oder ob wir nur glauben, was er sagt, würden wir antworten, wir glauben nicht ihm, wohl aber seiner Aussage.
Manchmal glauben wir einem Menschen, obwohl wir wissen, dass er sonst ein ausgemachter Lügner ist. Wir glauben ihm beispielsweise, wenn es um Rechenaufgaben geht, würden aber nie sagen, dass wir diesem Kerl Glauben schenken.
Ähnlich ist es, wenn wir zu einer Sache mehrere Zeugen, die wir persönlich gar nicht kennen, befragen. Auch ihnen glauben wir. Wir glauben ihnen aber nur, weil sie mehrere sind. Wir vertrauen auch darauf, dass unser Taxifahrer den Führerschein hat.
Es gibt ein Glauben, das eher unpersönlich ist. Wir glauben zum Beispiel unserer stabilen Welt. Wir glauben, dass die Sonne morgen ebenso pünktlich aufgeht, wie sie es gestern getan hat. Wir glauben das allerdings nicht, weil sie so lieb ist und weil wir ihr vertrauen, sondern, weil sie zur stabilen Welt gehört. Wir marschieren über die höchsten Brücken, weil wir an die Festigkeit von Eisen glauben und setzen uns in Flugzeuge, weil wir glauben, dass sich die Luftmassen, durch die wir schweben, heute genau so verlässlich verhalten wie gestern.
Wir setzen größtes Vertrauen in die Stabilität unserer Welt und vertrauen uns ihrer Festigkeit an. Wir leben davon, dass um uns herum alles mit rechten Dingen zugeht.
Auf der anderen Seite gibt es ein sehr persönliches Glauben, das von ganz anderer Art ist. In der Schule des heiligen Thomas würde man das erst „Glauben im eigentlichen Sinn“ nennen. Ich glaube zum Beispiel, dass es die Bosheit nicht nur bei Menschen, sondern auch bei den Engeln gibt. Das heißt, ich glaube an den Teufel. Irgendwann aber habe ich beschlossen, über den Teufel nur sehr wenig und mit ihm selbst kein einziges Wort zu reden; und zwar nie. Die einzige Ausnahme ist der Exorzismus. Dieser Entschluss ruht auf meiner Überzeugung, dass ich wohl an den Teufel glaube, dass ich ihm selbst aber nicht glauben kann.
Glauben im eigentlichen Sinn kann man nur Menschen und Engeln, die man vertrauenswürdig nennt. Glauben im eigentlichen Sinn heißt nämlich so etwas wie Glauben schenken. Wenn man unbekannten Zeugen Glauben schenkt, dann schenkt man ihn nicht ihnen, sondern nur der Aussage, die sie machen. Wenn wir einem Lügner glauben, wie man die Wurzel aus einer Zahl zieht, dann schenken wir nicht ihm, sondern den stabilen Gesetzen der Mathematik unseren Glauben.
Der heilige Thomas beginnt seinen Traktat über das Glauben mit der Behauptung, der Gegenstand des Glaubens sei vor allem Gott selbst. Glauben im eigentlichen Sinn bedeute letztlich, Gott persönlich seinen Glauben schenken. Das ist ein wahrlich großes Wort. Die weniger Gläubigen könnten sich fragen, ob sie das würden und die sich als Gläubige bezeichnen, könnten sich fragen, ob sie das tun.