Gedanken zur Menschenwürde

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Achtung: Heute hab ich zwei Kapitel geschrieben (s.unten). Ich weiß nicht, ob mir das Schreiben morgen möglich sein wird.

Der Würde des Menschen ist nicht leicht auf den Grund zu kommen. Sie ist wie gesagt nichts Biologisches. Man kann sie nicht greifen und man kann sie nicht fassen. Sie ist auch nichts, was ein Mensch erst bekommen muss oder kann. Jeder Mensch hat sie. Er hat sie, allein, weil er ein Mensch ist. Er hat sie, solange es ihn gibt und es kann keinen Menschen geben, der sie nicht hätte.
Im Grundgesetz steht, die Würde des Menschen sei unantastbar. Das heisst nicht nur, dass man sie nicht antasten darf, das heisst auch, dass man sie nicht antasten kann.
Niemand hat die Menschenwürde erfunden, wie ein Erfinder sich neue Geräte einfallen lässt. Als der Mensch die Elektrizität erfand, da stellte er nur fest, dass sie schon immer in der Welt war, und das war sie lange vor ihm.
Der Mensch hatte auch schon immer seine Menschenwürde, lange, bevor sie ihm auffiel. Ein Atheist wird vielleicht sagen, die Würde hat sich mit dem Menschen entwickelt. Ein Gläubiger wird einwänden, Gott gab sie ihm, als er ihn schuf. Auf jeden Fall hatten die Höhlenmenschen die gleiche Menschenwürde wie wir.

Der Menschenwürde ist nicht nur nicht leicht auf die Schliche zu kommen. Es ist auch schwer zu sagen, was sie eigentlich ist. Könige und Kaiser kommen würdig daher. Das bedeutet, ihr Aussehen und Gehabe drücken ihre königliche Würde aus. Diese Würde haben sie allerdings auch, wenn sie zu Bett liegen mit ihren Gewändern im Schrank.
Hier ist nun zu sagen, dass der Bettelmann in seinen Lumpen auch allen Grund hätte, wie ein Herrscher daher zu stolzieren. Aus christlicher Sicht kann man nämlich sagen, hat er zunächst die selbe, hohe Würde, wie die Leute bei Hofe. Aus christlicher Sicht lässt sich nämlich verkünden, jeder Mensch, und schon gar der Getaufte, ist ein Prinz am Hofe Gottes.
Auch die Frauen sind Prinzessinnen, und wenn sie auf dem Markt Fische verkaufen oder den reichen Leuten die Häuser putzen. Die Kinder Gottes sind allerdings keine, weil sie sich dazu gemacht oder in irgendeiner Selbstverständlichkeit entwickelt hätten. Kein Prinz stellt sich selbst in die Reihe. In die wird man berufen, und zwar einzig von dem, der das kann und wünscht: Der Herrscher über alles eben.

Jetzt wurde gesagt, ein Leben könne würdelos sein. Dem würde ich gern widersprechen. Es kann wohl sein, dass man einem Leben seine Würde nicht ansieht. Es kann aber nicht sein, dass es sie nicht hat. Der herabgekommene Mensch zeigt nicht, was er ist, das ist sein Problem. Ein Kind Gottes aber bleibt er doch.
Der heilige Vinzenz hat von seinen Schülern verlangt, jeden Bettler wie einen Adeligen zu behandeln. Damit hat er die allgemeine Menschenwürde lange lange vor ihrer grossen Entdeckung schon gekannt. Wer das Christsein erkannt hat und ernst nimmt, der weiss schon immer darum, auch wenn er’s anders nennt.
Es ist nun so: Keine Maschine baut sich selbst von Beginn an zusammen. Pinocchio,konnte sich wohl die Nase absägen. Er konnte sich aber nicht selbst vollständig auseinander bauen. Das hätte schon Meister Gepetto machen müssen, denn der war sein Schöpfer.
So ist es dem Glauben nach auch mit dem Menschen und seiner Würde. Der Mensch selbst hat keine Macht über sich selbst ganz und gar. So ist ihm von dem her, was er nunmal ist, auch nicht gestattet und möglich, an seinem Leben und an seiner Würde herum zu schrauben.
Er kann sich wohl Häuser bauen und die der Nachbarn anzünden. Er kann aber nicht sein Leben wirklich beenden. Deshalb hatte ich geschrieben, der Mensch könne sich wohl aus seinem irdischen Dasein schiessen, er könne aber nicht dafür sorgen, dass er aufhöre zu sein. Sein Schuss katapultiert ihn ins Licht Gottes, so der Glaube, und dorthin, wo man die Augen vor seiner Wahrheit nicht verschlissen kann.
Wie ist es aber mit den Verstössen gegen die Menschenwürde? Ich würde meinen, das Vergehen besteht darin, den Menschen zu verbieten, sie auf Erden zu zeigen und zur Schau zu stellen. Ich habe einen Bekannten, der seiner Frau wohl gestattet, sich zu schminken. Das darf sie aber nur im Haus und nur für ihn. Ich halte das für einen groben Verstoss gegen die Würde seiner Gattin. Wir leben auf Gottes Erde, und da gilt die Ordnung, die er ihr gegeben hat. Zu der gehört, dass alle Menschen das gleiche Heimrecht haben. So auch das, sich für die Welt schön zu machen und so an ihr teilzuhaben. Aber meinem Bekannten ist nicht zu helfen. Er glaubt nämlich nicht, dass die gleichen Rechte für beide Geschlechter gelten. Da wird er sich eines schönen Tages von einem anderen belehren lassen müssen.

Ein Bekenntnis und Nachtrag zur Sterbehilfe

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Es hat gelinden Ärger gegeben, mein letztes Kapitel war nicht sonderlich sensibel, oder vielleicht besser gesagt: Ich habe nicht fein genug unterschieden und bin mit einem groben Federstrich über die Sachen gefahren. Die hätten es wohl verdient, anders behandelt zu werden.
Ich gebe Recht: Es stimmt und ich versuche die Gelegenheit zu nutzen, nachzuholen, was gefehlt hat.
Doch ein Wort vorab. Was immer ich hier schreibe, ist nicht mehr als meine Meinung. Ich würde mich natürlich freuen, wenn es die Lehre meiner Kirche skizziert, die ich liebe. Das kann ich aber nicht garantieren, weil ich nicht garantieren kann, sie hinreichend zu kennen.
Ebenso verhält es sich mit dem Werk des heiligen Thomas. Ich gebe mir den etwas unbeholfenen Titel eines Thomaslesers, weil ich Thomas lese. Auch wenn ich das schon seit Jahrzehnten tue: Thomas lesen heißt nicht gleich Thomas kennen. Wer dauernd im Wald spaziert, der kennt nicht alle Bäume. So kann ich mich nicht mit dem Titel eines Thomaskenners schmücken. In diese Reihe wage ich mich nicht.
Es ist also nicht mehr und nicht weniger als meine Meinung, die ich hier niederschreibe, und ich schreibe sie nicht nieder, weil ich sie für sonderlich interessant halten würde. Ich schreibe sie nieder, weil ich der Ansicht bin, es ist allerhöchste Zeit, dass in der Kirche mal wieder jemand vom heiligen Thomas spricht.Frei nach G.K. Chesterton würde ich mich freuen, wenn jemand meine Sachen über Thomas liest, um später mal etwas Besseres über ihn zu lesen. Auch, was meinen Stil angeht, strecke ich die Waffen. Mir ist es nicht gegeben, fein und künstlerisch zu schreiben, und wissenschaftlich möchte ich nicht mehr. Ich mühe mich redlich, nicht ungerecht und vor allem nicht verletzend zu sein, kann aber auch das nicht garantieren. Bin ich es doch irgendwo, so bitte ich um Geduld.

Gestern schrieb ich sinngemäß, es gebe bei uns ein verbreitetes Denken, das den Menschen wie das liebe Vieh beurteilt. Der Sinn des Lebens bestehe in nichts anderem, als möglichst lange schöne Gefühle und wenig Schmerz haben, bis es zu Ende geht, und dieses Ende sei wirklich das Ende. Ich glaube in der Tat, es gibt diese Ansicht, und sie ist nicht selten. Ich glaube auch, dass aus dieser Sicht der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe sprießt: Der Schmerz muss aus der Welt, und wenn einer nur noch Schmerzen hat, dann muss er, auf Wunsch zunächst, getötet werden dürfen.
Wie gesagt, ich halte ein solches Denken vom Menschen für ziemlich verbreitet, habe gestern aber versäumt zu erwähnen, dass sie Sterbehilfe auch aus ganz anderen, weit edleren Gründen gewünscht werden kann.

Aber noch mal zur Sache. Dr. Schmidt-Salomon zum Beispiel hält den Menschen nach eigenen Angaben für eine Art Trockennasenaffen und will damit offenbar sagen, er sei im Grunde nichts anderes als ein Tier, wenn auch etwas höher entwickelt. Ich würde meinen, das beschreibt den Menschen in keiner Weise und liegt daneben.
Wenn ein Biologe vom Hund meines Nachbarn sagt, er sei ein Stoffwechselpaket mit Zähnen und Fell, dann hat er Recht. Er beschreibt aber nicht den Hund meines Nachbarn. Der hat nämlich einen Namen und eine gewisse Hundepersönlichkeit, und die ist erst das, was diesen einen Hund ausmacht.
Die Menschen stehen drüber. Sie sind Personen, und das sind Tiere nicht, auch keine Affen mit trockenen Nasen. Die Menschenrechte, die ausgerufen wurden, sind Personenrechte, keine Rechte für Primaten oder Rhinozerosse.
Die Person gibt dem Menschen seine Würde, und damit hat es seine Schwierigkeit. Die Würde ist nämlich nichts Biologisches, das man hat, wie Arme und Beine. Die Würde ist etwas, was man für alle anerkennen muss und nicht aberkennen darf. Das bedeutet, es gibt eine Pflicht, sich durchzuringen, allen Menschen, ganz gleich woher und was sie sind, die gleiche, hohe Würde zuzugestehen. Wenn jemand in sich eine Neigung entdeckt, die den einen höher als den anderen einschätzen oder gar seine Würde klein machen will, dann gilt es, diese Neigung bekämpfen, um nicht ungerecht zu sein.
Für den Christen kommt das Entscheidende hinzu: Das Personsein eines jeden Menschen, und zwar einzeln und in Handarbeit, die kommt direkt von Gott. Deshalb hat auch nur er ein Recht, über das Leben des Menschen zu entscheiden. Das darf nicht einmal der Mensch selbst.

Das Leiden hat nichts Gutes

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Ich fürchte, ich muss mich nach dem Gesagten erst einmal von einigen meiner hochgeschätzten Glaubensbrüdern distanzieren. Wenn ich sage, das Leiden hat eine gute Seite, so glaube ich keineswegs, das es um dieser Seite willen zu suchen ist. Es gibt in katholischen Kreisen ein Loblied auf das Leid, das ich nicht teilen kann, und ich glaube, man kann das Leid nur vorher und nachher gut finden.
In dieser Frage teile ich in gewisser Weise die Meinung derer, die meinen, das Leid ist zu fliehen und zu bekämpfen, solange es möglich ist. Bevor ich dem Leiden freiwillig entgegen laufe, muss ich sagen, mir reicht vollauf, was die Göttliche Vorsehung mir in ihrer unendlichen Weisheit zutraut und auf die Schultern legt. Ich muss da nichts suchen.
Wenn mir der Doktor Mittel gegen den Schmerz verschreibt, dann nehme ich sie, und ich konnte noch nie glauben, dass man beim Allmächtigen Punkte sammeln kann, wenn man seine Medizin mit frommen Gebeten in den Ausguss wirft.
Wenn ich mit dem heiligen Thomas glaube, das Leid sei die Währung in den Sakramenten, dann meine ich damit das Leiden Christi, nicht unseres, und Christus hat es dem Vater dargeboten, damit wir unser Leiden auf die Dauer loswerden können.
Dennoch gibt es diesen geheimnisvollen Zusammenhang, und deshalb wir des immer so bleiben, dass besonders das Sakrament der Eucharistie ein Opfer genannt werden muss. Aber es ist, wie gesagt, das Opfer Christi, und wenn ich meinen müsste, irgendein Leid meinerseits in die Waagschale werfen zu können, dann käme mir das wie eine große Anmaßung vor.
Der heilige Paulus hat wohl geschrieben, er ergänze an seinem Leib, was an den Leiden Christi noch fehle. Der Satz ist streitbar, weil jeder jederzeit sagen kann, an den Leiden Christi könne eigentlich nichts fehlen. Entscheidend aber scheint mir zu sein, dass der Apostel von jenen Leiden sprach, die man ihn zufügte, ohne dass er sie beantragt hatte.
Es ist wohl auch eine Unterscheidung zu bedenken: Die Frucht ist hier vom Geschehen zu trennen. Vor Tagen sprach ich auf Anfrage kurz über die Beichte, und als ich beantworten sollte, ob ich gern gehe, konnte ich das verneinen. Natürlich ist es nicht schön zu beichten. Es ist aber besonders schön, gebeichtet zu haben. So dürfte es mit dem Schmerz denn auch sein, sofern er etwas Gutes hat.
Wenn die Alten aus ihrer Lebenserfahrung sagen, die schweren Zeiten hätten sie viel gelehrt, dann meinen sie damit nicht, dass die schweren Zeiten gut waren. Schwere Zeiten sind schwer und gute Zeiten sind gut. Wenn der Diakon an der Osterkerze singt: „Oh glückliche Schuld, welchen Erlöser hast du gefunden!“, dann meint er nicht, dass die Schuld etwas Glückliches an sich hat. Schuld ist Schuld, und an der kann nichts Gutes sein. Das Lied singt einer, der genau an dieser Schuld nicht mehr leidet, weil der Erlöser sie davon getragen hat.

Wenn wir also im Folgenden hier und da erklären wollen, in wie weit die Eucharistie ein Opfer ist, dann ohne jede falsche Verklärung des Übels. Das Kreuz war nicht hübsch. Es war schmutzig, grausam und unanständig. Es war großmütig, dass die Mutter dabei war. Es war aber grausam, sie dabei zusehen zu lassen.
Es gibt unzählige Theologen und Gelehrten, die das Opfer als solches ablehnen, auch in den Sakramenten. Es gibt viele, die sagen, Gott könne kein Opfer wollen, weil er ganz Liebe sei. Ich glaube, sie irren, aber vermutlich irren sie aus bestem Willen, nämlich, um ihren Gott zu verteidigen, der dieser Art Verteidigung allerdings nicht braucht.
Es wird ein ewiges Geheimnis bleiben, wie der Erhabene Gott sich auf die Regeln seiner Welt so tief einlassen konnte. Er hat es aber getan und wird dafür um so mehr gepriesen. Ich fürchte, es bleibt bis zum großen Ende unverständlich, wieso Gott das Leid nicht ohne Leiden aus der Welt schaffen konnte. Er hat es aber getragen, und darüber müssen wir reden, über das Opfer aller Opfer nämlich.