Ist der Koran der Übeltäter?

Es ist nur ein Buch. Das ist das Problem.

Wie so viele Diskussionen um den Islam in Deutschland, wurde auch die um die Salafisten im Fernsehen wieder laut, wortreich und eher weniger zur Sache kommend. Ein Kommentator schrieb daraufhin eine kluge Stellungnahme aus muslimischer Sicht, die in vielen Punkten nachdenkenswert ist. Sie gibt zum Beispiel zu bedenken, dass nicht nur die Christen in Saudiarabien keine Rechte hätten. Die kritischen Muslime würden ebenso unter der totalitären Knute zu leiden haben. Sie erwähnt auch, dass es vor allem der Islam selbst sei, der unter dem Islam zu leiden habe. Auch schiebt der Autor manchen Schwarzen Peter zu Recht zurück ins christliche Lager. Alles Punkte, mit denen ich ein paar Tage denkenderweise spazieren gehen möchte, bevor ich mich mit der Feder zu ihnen äußere.
Es fällt dann aber ein Satz, der nicht stimmt: „Es ist nicht der Koran der Übeltäter.“ Doch, er ist es! Es ist genau der Koran, der alles schwierig macht. Oder besser gesagt, es ist der Glaube, dass der Koran Gottes letztes und verbindliches Wort auf Erden ist.

Vor Zeiten noch, als noch niemand den Koran hatte und kaum einer ihn kannte, da konnte ein Muslim Frau Christiansen noch sagen, das mit dem Schlagen der Frau stünde gar nicht im Koran. Mit großer Geste reichte er ihr einen in Arabisch, und die Kameras hielten alles fest.
Heute geht das nicht mehr. Jeder weiß, es steht da doch. Es steht da auch, dass die Feinde des Islam todeswürdig und umzubringen sind. Es steht da auch, dass der Muslim sich aus den Reihen der Ungläubigen keine Freunde, bzw. Beschützer wählen soll.
Der Gerechtigkeit halber muss man natürlich sagen, dass auch ganz andere Verse zu finden sind. Es stehen im Koran ebenso wunderbare Worte, die vom Frieden, von Rücksichtnahme und von dem handeln, was heute gern als Toleranz eingefordert wird.
Ich weiß nun wohl, dass der Koran zahlreiche Aufrufe zu einer Haltung kennt, die ich als Christ nie als Gottes Wort verstehen könnte. Ich weiß aber auch, dass meine muslimischen Freunde ganz wunderbare Menschen sind, in deren Familien man die Liebe lernen kann. Um das alles geht es aber nicht.
Der Koran hat beides: Das Samenkorn für den Krieg und das für den viel beschworenen Frieden. Und weil das so ist, wird es immer eine Frage der Auslegung bleiben. Der Koran selbst ist nicht eindeutig, und deshalb wird der Islam niemals eindeutig das eine oder andere sein. Er war es auch niemals.

Das verhält sich mit dem Christentum seiner Wurzel nach ganz anders. Um das zu erläutern braucht es eine Klärung dessen, was “Wort Gottes” für Christen bedeutet.  Wir nennen die Bibel das Wort Gottes. Das kann – katholisch christlich wenigstens – aber nicht in gleicher Weise verstanden werden, wie im Islam der Koran als Wort Gottes geglaubt wird. Die Bibel ist katholisch gesehen nur insofern das Wort Gottes, als es auf das eigentliche Wort Gottes hin geschrieben wurde und ausgelegt werden muss. Dieses eigentliche, letzte und endgültige Wort Gottes ist nämlich nicht die Bibel, sondern Christus. Deshalb wundern sich auch nur die ahnungslosen Muslime, warum der Christ ein so entspanntes Verhältnis zur Bibel als Buch hat.

Der große Unterschied ist nun der, dass man ein Buch wie den Koran jederzeit richtig und falsch auslegen kann. Das bedeutet, ein Buch allein kann von seiner Natur her niemals hinreichend sein, den wirklichen Willen eines Gottes heraus zu filtern, der ansonsten nur schweigt und den fehlerhaften Menschen seine Auslegung überlässt.
So fiel der Islam in der religiösen Suche meiner sensiblen Zeit auch sehr schnell als mögliche Alternative aus der engeren Wahl: Eine Religion, die verkündet, dass seine Gottheit den Menschen am Ende nur ein Buch in die Hände gibt, kann mein Vertrauen nicht gewinnen.
Ganz anders ist es mit dem Christentum. Das Wort Gottes ist eine Person! Gottes letztes Wort stellt sich in einem Menschenleben dar und in einem Jemand, der arm wurde, der kein Land eroberte, keinen irdischen Thron sein eigen nannte und der, gelegen oder ungelegen heilige Worte des ewigen Lebens sprach. Gottes letztes Wort kam als jemand auf die Erde, der sagte, er sei gekommen zu dienen und nicht bedient zu werden. Er nahm sich keine Frauen, weil er sich nichts auf Erden nehmen wollte. Gottes Wort kam am Ende gar, um die Menschen zu erlösen und so ein letzter Interpret der höchsten Eigenschaft Gottes, der Liebe zu sein.

Die Bibel ist insofern Gottes Wort, als dass sie berichtet, wer Gottes eigentliches Wort war und ist. Dieses Wort selbst ist als Person sehr unmissverständlich, und alle Christen müssen sich am Ende an diesem Wort messen lassen.

Wenn andererseits sich die Muslime am Koran messen, wer will dann sagen, dass ein schlechter Muslim ist, wer sich daran hält, sich keine Freunde unter den Ungläubigen zu suchen? Wer sagt, mein Freund Murat sei ein besserer Muslim, weil er die Freundschaft mit mir hält? Entscheidend ist hier nie der Koran, sondern immer seine Ausleger.
Ich weiß, es erheben sich die Kritiker, die allerlei gelesen, gehört oder gar gesehen haben, wie wenig die Christen ihrem Ideal treu geblieben sind. Der Unterschied ist aber, dass der Maßstab der Vorwürfe, denen sie sich zu stellen haben, viel eindeutiger ist als ein Buch. Wenn ich sage, der Koran ist schuld, dann meine ich den Umstand, dass der Islam am Ende immer nur ein Buch haben wird.

Himmelfahrt

Der Tag Christi Himmelfahrt dürfte für jeden, der sich nicht nur über den Vatertag Gedanken macht, eine gewisse Herausforderung sein, sobald er sich fragt, wie das denn nun genau gewesen sein mag mit der Fahrt Jesu in den Himmel.
In der Bibel steht wörtlich, nachdem der Auferstandene seinen Jüngern die letzte Unterweisung gegeben habe, “wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.” Spätestens jetzt sagt der aufgeklärte Geist unserer Tage, na das könne ja wohl so nicht gewesen sein!

Jeder weiß, dass über der Wolkendecke kein Himmelstor steht, durch das hindurch man in die neue Welt marschieren kann. Jedesmal, wenn wir in einen Flieger steigen, durchbrechen wir die Wolkendecke in ganz ähnlicher Weise und sind froh, heil wieder unten zu landen, weil da oben niemand irgendwo festen Boden unter die Füße bekommt. Das kann so also nicht gewesen sein.

Manche sagen nun, das mit der Himmelfahrt könne sehr wohl – damals – so stattgefunden haben. Denn damals hätten die Menschen das mit dem Himmelstor jenseits der Wolkenschichten noch geglaubt. Ich kann mich dieser Ansicht nicht anschließen, weil ich den Menschen von damals diesen Glauben nicht unterstellen möchte. Ich halte das aufgeklärte “Früher haben die Menschen alle an Gespenster geglaubt, heute nicht” nicht für besonders aufgeklärt und zweitens für nicht wahr. Ich halte es für überhaupt nicht aufgeklärt, einfach an keine Gespenster mehr zu glauben. Für mich heißt aufgeklärt viel mehr, die nebelige Gespensterwelt der Esoterik sauber in Engel und Dämonen trennen zu können.
Zudem glaube ich nicht, dass früher alle Leute das mit dem begehbaren Himmel über den Wolken geglaubt haben; schon gar nicht die Jünger, die vor der Himmelfahrt über Jahre vom Sohn des Himmels über alles belehrt worden waren, was sie bis dahin wissen mussten.

Ich persönlich bin geneigt zu glauben, dass sich die Himmelfahrt Jesu damals genau so dargestellt hat, wie Lukas sie schildert, und zwar ganz wörtlich. Ich glaube zudem, dass sie sich auch heute, im Zeitalter der Ballonflüge und Raketenstarts genau ebenso märchenhaft gestaltet hätte, wie damals.

Wir wissen, dass die Sonne in Wirklichkeit nicht aufgeht, wenn wir das sagen. Jedes Kind weiß, die Sonne bleibt einigermaßen stehen, wo sie ist und die Erde dreht sich entsprechend. Wir wissen auch, dass die Sonne nicht untergeht. Auch da ändert sich unsere Sprache nicht, die beständig bei den alten Bildern bleibt. Wir klopfen auf Holz und sagen, es sei im Gegensatz zum Nebel ein festes Material. Physikalisch Interessierte wissen, dass es sich mit der Festigkeit in der atomaren Welt so unkompliziert gar nicht mehr verhält. Dennoch bleiben wir bei den Bildern, die unsere Vorstellungswelt nach wie vor bestimmen und bauen. Sämtliche Bilder behalten ihren Rang und ihre Bedeutung, auch wenn wir längst wissen, dass sie der Wissenschaft nach mehr als fragwürdig geworden sind.
Ein Kind, das stolz aus dem ersten Physikunterricht kommt und den Vater korrigiert, weil er sagt, er möchte gleich bei Sonnenaufgang den Rasen mähen, wird eine liebevolle Abfuhr bekommen: Der Alte weiß wohl, dass die Sonne nicht wirklich aufgeht. Er wird es aber weiter so nennen.
Die Schlauberger unter den Religionskritikern sagen schon mal, die Himmelfahrt habe gar nicht sein können, weil es den Himmel der märchenhaften Glaubenswelt so gar nicht gebe. Das ist ungefähr so schlau, wie wenn der Sohnemann sagen würde, es gebe weder die Sonne noch den Horizont, weil da nichts wirklich aufgeht.