Zweiter Teil der Einleitung

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Vor einiger Zeit hatte ich Unterricht in Fragen Ethik zu geben, und das vor einer Klasse erwachsener Leute, denen ich zum ersten Mal gegenüber stand. Da versteht sich von selbst, dass man sich erst einmal vorstellt. Das tat ich, und als man mich beiläufig fragte, was ich denn sonst noch so mache, gab ich zur Antwort, ich schreibe in meiner Freizeit ein Buch über die Eucharistie.
Nun hatte ich die Situation schon öfter. Man sieht sich zum ersten Mal. Man stellt sich vor und muss einige Zeit zusammen bestreiten und einer Klasse Sachen beibringen, die mindestens die Hälfte nicht unbedingt hören will.
Die Schule, an der ich hin und wieder bin, hat zwar eine katholische Grundfarbe, die Schüler aber sind sowohl in ihrer Herkunft, als auch im Bildungsstand bunt gemischt und auch was ihre Kultur angeht, so verschieden wie die Tierchen in einem Zoo.
Als eine der Damen vermutete, die Eucharistie sei eine Blumensorte, schoss mir hintergründig und brühwarm sofort die Frage in den Kopf, wo man überhaupt anfangen müsse, wenn man ein Buch über die Sakramente der Kirche schreiben möchte.
Ich erklärte, ich sei ein Katholik, der seinen Glauben liebt, und die Eucharistie habe mit diesem zu tun. Die Eucharistie sei das Wichtigste, das Größte und Allerliebste in meinem Glauben. Ich gestattete mir, etwas romantisch dazu zu sagen, sie sei der Kirche so lieb, wie einer Mutter ihr einziges, kleines Baby.

Jeder sechste Mensch auf der Welt ist katholisch und somit war davon auszugehen, dass auch Katholiken unter den Schülern saßen. Es fanden sich in der Tat welche. Die wussten aber mit dem, was ich sagte, so wenig anzufangen, wie die Frau, die das mit den Blumen gedacht hatte. Meine Katholiken waren zwar getauft worden und irgendwann zur heiligen Kommunion gegangen. Manche von ihnen hatte man sogar gefirmt, aber soweit ich sehen konnte, waren sie sich alle nicht bewusst, dass an der heiligen Kommunion etwas besonders Heiliges gewesen war, und was die Firmung bedeutet hatte, wagte ich nicht zu fragen.
Das Fach, das ich zu unterrichten hatte, hieß schließlich „Ethik“, und ich hatte nicht damit zu beginnen, Fragen des katholischen Glaubens zu klären. Vorerst hatte es darum zu gehen, was Ethik bedeutet.
Auch da hätte man meinen können, es sei eine Essigsorte, ein griechischer Philosoph oder das Nachfolgemodell des Opel Zafira. Hier kann ich es kurz sagen, vor der Klasse hatte ich mehr Zeit dazu: Ethik ist die Lehre von denjenigen Dingen, die man zu tun oder zu lassen hat und die sich eigentlich von selbst verstehen müssten.
Man müsste eigentlich von selbst verstehen, dass man seinen unschuldigen Nachbarn nicht für ein kleines Blutgeld an den Galgen liefert. Es müsste sich eigentlich von selbst verstehen, dass man seinen alten Vater nicht schlägt und sein kleines Kind nicht sich selbst überlässt. Ich würde auch meinen, es müsste eigentlich selbstverständlich sein, dass man mit allen Leuten gleich liebevoll umzugehen hat, ganz egal, wie sie aussehen, woher sie kommen oder welche Entscheidungen sie für ihr Leben getroffen haben. Weil das alles aber nicht selbstverständlich ist, deshalb muss man hier und da die Gründe für eben diese Selbstverständlichkeit aufzeigen und drüber reden.
Meine Vorstellung von einem Buch über die Eucharistie für Jedermann steht unter einem ähnlichen Stern. Ich gehe davon aus, die Kinder werden in den katholischen Gemeinden nach bestem Wissen und Gewissen auf den Empfang der ersten, heiligen Kommunion vorbereitet. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass sie bis zum letzten, hoffentlich seligen Empfang zwar unzählige Male zum Altar gehen, aber so gut wie nie wieder etwas über das Sakrament als solches hören. Dabei sollte ein Grundwissen zu den Sakramenten für Katholiken eigentlich so selbstverständlich sein, wie die Grundaussagen der Ethik für alle sonst.
Thomas von Aquin war Professor. Er beginnt seine große, berühmte Summe mit der Aussage, er wolle ein Werk für Anfänger vorlegen. Die Schüler aber, die vor ihm saßen, wussten schon längst, dass die Eucharistie keine Blume ist und Ethik keine Essigsorte. Wer im Hochmittelalter zum Studium der Theologie vorgelassen wurde, der hatte schon eine beträchtliche Zeit lang studiert. Das ist mit der Kommunion etwas anders. Wenn man will, kann man sie empfangen, auch wenn man so ziemlich alles über sie vergessen oder nie gehört hat. Ich glaube, das war schon immer so und es war schon immer nicht wünschenswert. Im Grunde kann man über dieses Sakrament nicht oft genug reden. Warum nicht mal an der Hand desjenigen Lehrers der Kirche, der in einer Tiefe drüber nachgedacht hat, die ihresgleichen sucht?

Endlich Ferien

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Für einen Blogger, der das Schreiben liebt heißt das: So Gott will, endlich mal wieder in Ruhe seinem Hobby nachgehen können. Das Schuljahr war lang und zum Ende hin nicht ohne. Weder für die Schüler, noch für die geplagten Lehrer und schon gar für die armen Schulsozialarbeiter. Also Jungs und Mädels, schöne Ferien allen, die welche haben!

Warum überhaupt Thomas und warum dieses Projekt?

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Ein vorläufiges Vorwort.

Ein Abenteurer war er nicht, der heilige Thomas, da weiss man sich von einem Franziskus, einem Johannes von Gott und von Mutter Theresa viel mehr zu erzählen.
Thomas ist um das Jahr 1225 auf die mittelalterliche Welt gekommen, die er knapp fünfzig Jahre später einigermassen unspektakulär wieder verliess. Dazwischen hat er eigentlich nichts anderes getan, als zu Fuss zwischen den europäischen Universitäten hin und her zu pilgern und das Leben eines Professoren zu führen, der dicke Bücher schreibt.
Aber wenn Thomas auch kein Abenteurer war, was sein äusseres Leben als Bettelmönch anging, so war doch um so abenteuerlicher, was ihm seinerzeit aus der Feder floss.
Wenn man sich heutigentags als Thomasleser bekennt, dann geht einem unter den Füßen schon mal ein Schubfach auf, in das man hineinpurzelt, und in dem die Konservativen gesammelt werden.
“Och nee”, sagte einmal der Anführer einer Gruppe Theologen, vor denen ich eine Woche lang Vorträge halten sollte, “bitte nicht so viel Thomas.” Sein Professor hatte ihn genervt. Ich sagte zu, etwas anderes zu machen und kann heute gestehen, ich habe nein gesagt und ja gedacht. Als die Woche herum war, bedankte sich der Chef mit der verwunderten Bemerkung, dass die Theologie ohne Thomas doch ganz modern sein könne. Da konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, das war alles reinster Thomas, ich hatte es nur nicht gesagt.
Thomas ist Thomas. Er macht einen weder modern, noch macht er einen konservativ, denn denken muss man schon selbst, und für sein eigenes Bild von der Welt ist auch jeder für sich verantwortlich. Aber als Thomas damals schrieb, da stand er auf der Seite der Erneuerer, und ich würde meinen, das sollte er heute wieder tun.
Mein Buch ist eine Verspätung. Ich schreibe daran, weil mich vor Jahren jemand darum gebeten hat. Die einzige Vorgabe lautete, es solle theologisch hoch qualifiziert und für jedermann verständlich sein.
Die Frage: „Warum ausgerechnet Thomas?“, bekommt also eine erste Antwort. Ich kann die hohe, theologische Qualität nur garantieren, wenn ich mich hinter jemandem verstecke, der hoch qualifiziert denken konnte. Was ich schreibe, ist natürlich meine Meinung. Von der hoffe ich, sie deckt sich mit der Meinung meiner Kirche, der ich dienen möchte. Wenn sich aber etwas theologisch Qualifiziertes findet, dann ist es vom Aquinaten.
Die Frage „warum Thomas“ findet allerdings auch eine höchst offizielle Antwort. Alle Päpste, die überhaupt etwas zu ihm geschrieben haben, geben sich mit der Forderung die Klinke in die Hand, die Theologen mögen vor allem den Aquinaten lieben lernen, und das Zweite Vatikanische Konzil hat gleich an mehreren Stellen ausdrücklich gefordert, die Theologen sollten „unter der Führung“ des Aquinaten studieren.
Wenn man das liest, dann kann es einen wundern, warum es so still um ihn geworden ist. Es mag daran liegen, dass Thomas in Latein geschrieben hat und dass es schon ein gewisses Maß Entschlossenheit braucht, bis einem die ersten Früchte ins Körbchen fallen. Aber wenn man sich erst einmal bei ihm daheim fühlt, dann sitzt man an einer Quelle von Erkenntnissen, die nicht zu versiegen scheint.
Alle Shakespearekenner sagen, Shakespeare ist der Größte, aber auch da braucht es seine Zeit, bis man ihn genießen kann.
Mein Lehrer hat mir mal geraten: „Wenn sie den Thomas verstehen wollen, dann lesen sie das erste Kapitel aus seinem Buch über die Wahrheit.“ Ich hab’s gleich getan und ich glaube, er hatte Recht.
In Umwandlung des guten Rates könnte man den Täuflingen und Studenten sagen: „Wenn du die Kirche verstehen willst, dann musst du die Eucharistie verstehen.“ Nun ist es so, dass niemand je die Eucharistie wirklich verstehen kann, nicht zu Lebzeiten auf Erden. Man sollte aber über sie reden und ich glaube allen Ernstes, die vielbeschworene Krise der Kirche ist eine Krise der Sakramente, allen voran eine Krise der Eucharistie.
Man kann Bethlehem nicht reformieren, wenn man am Stall nur das Dach deckt, den Viechern was zu essen gibt und das Stroh in der Krippe auswechselt. Wir müssten vor allem das Kind neu entdecken. Die Eucharistie ist in gewisser Weise dieses Kind. Das entdeckt man vor allem, wenn man es still betrachtet, und das haben die Hirten wohl getan. Sie mussten sich zuvor aber von den Engeln informieren lassen, was sie überhauprt finden würden.  Thomas trägt den Ehrentitel eines engelgleichen Lehrers. Hier übernimmt er den Job und wird tatsächlich den Engeln gleich. Er erklärt nämlich, so gut überhaupt jemand kann, das Herz und den Pulsschlag des Katholischen; den Sohn des Vaters, der jetzt nicht mehr in einer Krippe liegt, sondern die Kirche tagtäglich in ihren Händen hält. Deshalb würde ich für meinen Teil meinen, es wird Zeit, dass der heilige Thomas wieder entdeckt wird.