Die Liebe und ihr Opfer

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Vielleicht ist es ganz gut, dass wir einen Blick auf die Liebe getan haben, denn damit haben wir die Wurzel angeleuchtet, aus der das gesamte Geschehen mit Gott und den Menschen überhaupt kommt.
Mittlerweile dürfte klar geworden sein, dass unser Lehrer alles andere als ein romantischer Minnesänger war, der unter dem Balkon seiner Prinzessin fiedelt und Schnulzen singt. Thomas fiedelt nicht, und ich habe noch nie auch nur einen einzigen, süßen Satz bei ihm gefunden. Wer so was sucht, der gehe besser zum heiligen Augustinus, zu den Mystikern und Minnesängern, die gibt es auch in Fülle.
Thomas bleibt auf seinem Lehrstuhl kleben und diktiert dicke Wälzer. Aber er mag sein, wie er will, auch für ihn ist die Liebe die Wurzel für alles Handeln. Das gilt übrigens nicht nur für den Schöpfer, sondern auch für den Menschen. Thomas sieht auch in der schlimmsten Tat immer noch, dass der Mensch sie um irgendeines Guten willen wollte. Der Mensch kann gar nicht aufhören, irgendwie immer noch etwas Gutes zu wünschen und das Gute zu lieben. Das entschuldigt nicht alles, es erklärt aber viel.
Beim Schöpfer muss das alles natürlich etwas anders sein, weil er das Gute schlechthin darstellt und nichts Schlechtes wollen kann. Wir sehnen uns zwar immer nach dem Guten. Letztendlich kommen aber doch schon mal eher üble Sachen dabei heraus. Unsere Natur hat Brüche und Risse, in denen sich eben allerlei Verwirbelungen, Wirrnisse und Spaltungen bilden können.
Übrigens: Den, der „stets das Böse will und stets das Gute schafft“, gibt es im System des Aquinaten nicht, der ist eine Erfindung von Goethes Dichtung. Der mag ein guter Poet gewesen sein, als Kirchenlehrer aber kann er kaum herangezogen werden.
Wir können keinem Geschöpf im Universum nachsagen, dass es stets das Böse will, nicht beim Aquinaten. In seiner Schule bleibt selbst der Teufel ein an sich Guter, und sogar seine abgrundtiefe Sünde kann daran nichts ändern. Um es auf die Spitze zu treiben, verliert selbst der König der Unterwelt seine natürliche Neigung zum Guten nicht, und nicht einmal die zur Gottesliebe. Das ist ein interessantes Thema, über das man mal ein anderes Büchlein schreiben sollte.

Ich habe das alles hierher bemüht, um der glockenhellen Klarheit des Schöpfers einen Kontrast zu geben. Bei Gott sticht das Gute immer ganz durch. Es gibt keine Brüche und Fehlleistungen. Bei ihm ist nicht nur gut, was er will, sondern auch gut, was er macht, und das ganz und gar.
Sowohl die Menschwerdung, als auch das Leiden Jesu geschah in der maxima caritas, aus der vollendeten, allergrößten Liebe. Sowohl die Liebe war vollkommen, als auch die Tat, die aus ihr entsprang. Alles steht in diesem reinsten, ungebrochenen Licht der größten Zuneigung und ihrer Vollkommenheit.

Das Kreuz ist nun aber ein Geschehen, das von seiner Außenseite her nichts Romantisches mehr hatte. Wir lesen, von Seiten derer, die Christus umbrachten, war es eine unsägliche Tat. Von Christus her aber, der aus Liebe litt, war es ein Opfer. Deshalb sage man ja auch, Christus habe das Opfer gebracht, nicht seine Mörder.

Wann immer ich davon schreibe oder drüber rede, habe ich das Gefühl, ein Graben von ganz anderer Art tut sich auf.
Es mag an den Zeiten liegen, in denen man mich zum Studium schickte. Damals war kaum etwas größer als der Widerstand der Gelehrten dagegen, überhaupt irgendwo von einem Opfer zu sprechen. Ich ging völlig unverbraucht in die Vorlesungen und stand wie eine Tafel in den Seminaren, auf die man überhaupt erst noch etwas schreiben musste. Aber überall wurde diskutiert und lamentiert, das Gerede vom Opfer müsse aus der Lehre. Das alles hatte den Geschmack, wie wenn man die Betten jetzt unbedingt neu beziehen musste, und ich verstand gar nicht, was denn so Schlimmes an dem Gedanken des Opfers sein sollte.
Jeder Verliebte hat Lust, spektakuläre Opfer für seine Angebetete zu präsentieren. Wenn er sie zu Fuß über den Berg besucht, wirkt das erst richtig, wenn es ihn was gekostet hat. Jede Mutter hat Lust, sich für ihr Kind zu opfern, wobei man von Lust nur sprechen kann, wenn man genauer nachdenkt. Natürlich hat niemand Lust, sich irgendwo in eine schmerzhafte Bresche zu werfen. Aber man hat doch seine Lust an dem Gedanken. das Dorf zu retten und der Held dabei zu sein.
Es ist natürlich schwierig, das jetzt alles mit dem Leiden Jesu in Verbindung zu bringen. Das hat insgesamt einen heiligen Ernst, der oft eher Schweigen gebietet. Aber man muss irgendwann über die tieferen Motive und über die Früchte reden. Es sollte uns fern liegen, uns in den Verdacht zu stellen, irgendwelches Leiden zu glorifizieren oder gar schön zu finden. Wir können also nicht sinnvoll vom diesen Sachen sprechen, ohne klar zu stellen, in wie weit die Liebe und die Freude hinzu zu rechnen sind. Wie gesagt, wohl niemand geht gern zur Beichte. Aber es gibt kaum etwas Schöneres, als gebeichtet zu haben. Christus ging natürlich nicht gern in seine schweren Stunden. Aber dass er es getan hat, bleibt dennoch herrlich. Dass er es aus seiner vollendeten Liebe getan hat, das macht es zum Schönsten, das möglich war, und es wird eine Lust sein, die Früchte genießen zu dürfen. Deshalb sollte man wohl nicht aufhören, von seinem Opfer zu reden, man sollte vielleicht vielmehr versuchen, es richtig anzustellen.

Quelle:

Sent III,d 1,qu 2, a 2, arg 6Praeterea, incarnatio processit ex maxima caritate Dei quam ad nos habuit.

Sup I Thess, 1,1: I Petr. c. II, 21: Christus passus est pro nobis, vobis relinquens exemplum, ut sequamini vestigia eius. Et ideo dicit in tribulatione multa cum gaudio, id est, quamvis multa tribulatio immineret propter verbum, tamen illud accepistis cum gaudio. Iac. I, 2: omne gaudium existimate, fratres mei, cum in tentationes varias incideritis, et cetera. Act. V, 41: ibant apostoli gaudentes a conspectu Concilii, quoniam digni habiti sunt pro nomine Iesu contumeliam pati. Cum gaudio, inquam, spiritus sancti, non alio quocumque, qui est amor Dei, qui facit gaudium patientibus propter Christum, quia amant eum.

Sth III,48,3,ad3Ad tertium dicendum quod passio Christi ex parte occidentium ipsum fuit maleficium, sed ex parte ipsius ex caritate patientis fuit sacrificium. Unde hoc sacrificium ipse Christus obtulisse dicitur, non autem illi qui eum occiderunt.

Bild von hier.

Die Liebe und die Langeweile

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Man kann es sich zum Hobby machen, über die ganz normalen Dinge des Lebens nachzudenken, um ihnen auf die Schliche zu kommen. Man muss dann allerdings damit rechnen, dass einem das nur selten gelingt.
Wenn man zum Beispiel über die Liebe nachdenkt, wird man mit der Zeit vermutlich zu dem Schluss kommen, dass uns jeder sagen kann, wie sie sich anfühlt, dass aber niemand weiß, was sie ist. Für einen Christen ist das dann auch schnell erledigt. Er bekommt die Auskunft, dass Gott die Liebe ist und sogleich verläuft sich die Suche im unendlichen Geheimnis.
Im Zusammenhang mit meinem Schreiben über die Sakramente mache ich mir gerade wieder über eine Sache Gedanken, die sich ganz und gar nicht in Gott verliert, wie die Liebe, die aber irgendwie mit ihm zu tun haben muss, und das in negativer Weise. Es kann sie nämlich in ihm und in seiner Nähe nie geben. Diese Sache heißt Langeweile.
Ich habe mir, wie gesagt, schon öfter über dieses Phänomen Gedanken gemacht. Warum ist einer Mutter das Kleidchen ihrer Tochter schnell langweilig, die Tochter dagegen nie? Ich mag zum Beispiel sehr gern Eintopf aller Art. Wenn ich allerdings mehrere Tage hintereinander welchen kriege, wird er mir leid. Die Küche aber, in der ich ihn schon seit Jahren serviert bekomme, ist mir bisher noch nie langweilig geworden, und schon gar nicht, der Juwel von Mensch, der ihn mir bereitet. Ich vermute, das alles hat mit der Liebe zu tun.
Wir können nie umfassend sagen, was die Liebe ist, wir kommen ihr aber etwas näher, wenn wir betrachten, was sie tut. Sie bringt Blumen, sie kocht Eintopf. Sie umarmt und flüstert liebe Sachen. Sie genießt und freut sich am Genuss des anderen. Die Liebe tut tausend schöne Dinge, aber eins tut sie immer: Sie bejaht die Existenz dessen, was geliebt wird. Ganz gleich, was wir lieben, wir lieben vor allem erst einmal, dass es da ist.  Zu allem, was die Liebe liebt, spricht sie ihr „gut, dass es dich gibt.“ Somit hat die Liebe eine Sache, die immer gleich bleibt.
In Sachen Langeweile aber muss sie auf geheimnisvolle Weise etwas haben, was grundsätzlich unterscheidet, und das hat vermutlich mit ihrer Vollkommenheit zu tun. Wenn man der Liebe zwei Augen unterstellt, dann scheint sie das eine mit wachsender Vollkommenheit zu schließen, während sie das andere immer weiter öffnet.
Je größer die Liebe, desto weniger sieht sie die Makel. Es gibt Menschen, die haben irgendein äußeres Problem. Werden sie in ihrer Familie geliebt, dann hat dort niemand mehr ein Auge dafür.
Der heilige Josefmaria erzählte einmal von einer Mutter, dessen kleines Kind genüsslich in der Nase bohrte. Alle waren entrüstet, die Mutter aber sagte, ihr Kind werde sicher mal ein Forscher. Die Liebe verschließt die Augen für Fehler und öffnet weit den Blick für das Liebenswerte, und ich habe die Vermutung, dass sich so auch das Problem mit der Langeweile erledigt. Die Engel sehen seit Jahrtausenden den Regen auf die Erde niedergehen und finden ihn so herrlich, wie am ersten Tag, als Gott ihn sich erdachte.

Ich finde das alles aus drei Gründen einigermaßen wichtig. Erstens geht es steil auf die Ewigkeit zu, und da kann keine Langeweile sein. Zweitens sollten wir an der Liebe arbeiten, damit wir in der Religion und in der Welt das Staunen nicht verlernen. Der dritte Punkt hat mit der Liebe zu tun, die Gott zu uns hat.
Im Kommentar zum Römerbrief geht es im fünften Kapitel um den Satz des Paulus, die Liebe Gottes sei ausgegossen in unsere Herzen. Er sagt dort, diese Liebe sei sowohl die, mit der uns Gott liebt, als auch die, mit der wir ihn lieb haben. Der Ursprung sei allerdings im Schöpfer zu finden, der uns zuerst geliebt habe. Unsere Liebe zu Gott sei ein Zeichen für die Liebe, die er zu uns hat..
Der Heilige Geist ist Gott. Der persönlich kommt zu uns, um in uns zu wohnen, weil er uns lieb hat und uns damit anregt, ihn wieder zu lieben.
Das sind große Gedanken, bei denen ich das Besprochene ganz gern mit dazu denke. Dass ich dem Herrn nicht langweilig werde, dafür sorge ich vermutlich unfreiwillig schon ganz gut. Es würde mir jedoch zur Erleichterung gereichen, wenn sein Auge für meine Makel sich ein wenig schlösse, wobei das andere weit offen bliebe. Ich will natürlich nicht, dass meine Sünden vergessen werden. Das wäre gegen die Ehre, und ich bitte meinen Beichtvater immer um eine angemessene Buße. Es gibt da allerdings bei aller Sicherheit immer noch diese Art Urfurcht, die nie ganz weggeht und die ihre kleine Sorge nie ganz los wird, man könnte das Verhältnis zum Geliebten am Ende doch etwas trüben. Diese leise Besorgnis zählt übrigens beim heiligen Thomas auch zu den Geschenken Gottes, worüber an anderer Stelle zu reden wäre. Wir müssen die Dinge hier bedenken, weil Christus im Sakrament aus der gleichen Liebe heraus zu uns auf den Altar kommt, aus der er den Geist in unseren Herzen ausgießt.

 

Quelle: Sup Rom, 5,1: “Charitas Dei autem dupliciter accipi potest. Uno modo pro charitate qua diligit nos Deus, Ier. XXXI, 3: charitate perpetua dilexi te, alio modo potest dici charitas Dei, qua nos Deum diligimus, infra VIII, 38 s.: certus sum quod neque mors neque vita separabit nos a charitate Dei. Utraque autem charitas Dei in cordibus nostris diffunditur per spiritum sanctum qui datus est nobis. Spiritum enim sanctum, qui est amor patris et filii, dari nobis, est nos adduci ad participationem amoris, qui est spiritus sanctus, a qua quidem participatione efficimur Dei amatores. Et hoc quod ipsum amamus, signum est, quod ipse nos amet.”