Das Priestertum ohne Wurzeln

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Das Priestertum Jesu ist nicht ableitbar. Das heißt, man kann nicht sagen, es komme hier her oder da her. Man kann nicht sagen, das Priestertum Jesu habe seine Wurzeln hierin oder darin. Das Priestertum hat nämlich überhaupt keine Wurzeln. Es kam und kommt aus dem Nichts. Es ist einfach da und bleibt auf ewig in der Welt, unausrottbar.
Auf diese Behauptung wird es sicher Einsprüche geben, auf die einzugehen sich lohnt. Manche werden sagen, das Priestertum Jesu leite sich vom Priestertum des Alten Testamentes ab. Jesus war und ist ein Jude. Die Juden hatten eine uralte Priestertradition, das sieht man zum Beispiel an seinem Titel im Hebräerbrief. Dort wird er der Hohepriester genannt. Die Hohepriester waren die obersten Priester der alten Tradition. Deshalb scheint klar: Das Priestertum Jesu hat seine Wurzeln im Priestertum des Alten Bundes. Das Volk Israel mit seiner ehrwürdigen Geschichte ist sozusagen der Humus, das Erdreich. Die Wurzel mit der Blüte ist das Priestertum selbst und die Frucht ist das, was man bekommt, wiederum Jesus, der Christus. So wird es in der Regel gesehen. Das ist auch alles einigermaßen richtig, aber eben nur einigermaßen. Dazu also ein Gedanke.

Als Kind mochte ich besonders die Seerosen, die in jedem Jahr auf einem der nahe gelegenen Tümpel schwammen. Mit kräftigen Farben und in prächtigen Blüten saßen sie auf ihren grün schimmernden, fetten Blättern und lachten uns fröhlich entgegen. Ich hatte immer vermutet, sie saßen dort, wie schwimmende Linsen, frei im Wasser treibend. Als mich aber mein großer Bruder aufklärte, staunte ich nicht schlecht: Jede dieser herrlichen Pflanzen hatte eine Wurzel, die hinab ragte, unten im Boden steckte und den ganzen Tümpel in ihrer Tiefe durchmaßen. Die Wurzeln lagen im Dunkeln und reichten wie kräftige Tentakeln hinab. Nur oben, auf dem Wasserspiegel entwickelten sie diese schöne, gewohnte und doch immer neue Farbenpracht.
Vom Priestertum Jesu wird ähnliches angenommen. Man meint, es habe dicke Wurzeln, die sich tief hinein in die Geschichte des Volkes Gottes bohren. Seine Wurzelstränge reichen bis hinab in die ersten Regungen der Priesterlichkeit, so dass sie oben ihr eigentümliches Aussehen annehmen. Oben, in der jeweiligen Gegenwart entfaltet sich die neue Blüte, die sich dem Betrachten und Pflücken darbietet. 
Alles hat den Anschein, als sei es so, das stimmt aber nicht. Das Priestertum Jesu liegt eher wie die Seerosen meiner alten Vorstellung, ohne Wurzeln in der Welt. Es hat keine Tentakeln, denen man folgen könnte, um dessen Ursprungsgrund kennen zu lernen.
Das alles ist so, weil das Priestertum sozusagen wurzelfrei vom Himmel herabgestiegen ist. Weil es außer Gott keinen Ursprung hat, ist es etwas ganz Neues, und es sei schon mal gesagt: Die Priester der Kirche haben alle lebendig Anteil an genau diesem Priestertum.

Die ganze Sache erfordert eine Klärung. Es wurde ja schon angesprochen: Das Priestertum hat Ähnlichkeiten, die Wurzeln vermuten lassen. Das Priestertum der Juden opferte, das Jesu opferte, das der Kirche opfert auch. Man wird also schließen, das eine stamme vom anderen. So muss es aber gar nicht sein.
Ich gestatte mir einen hinkenden Vergleich. Jemand sieht im Wald eine Gruppe Pilze mit einem ganz bestimmten Rot. In vergangenen Zeiten standen da schon mal welche mit der selben, eigentümlichen Farbe. Man wird schließen, die Farbe der neuen stamme von der Farbe der alten ab, die einen kämen aus den anderen. Was aber, wenn des nachts jemand daher gekommen ist, der ganz neue herbeizaubern konnte und es vermochte, ihnen täuschend echt die selbe Farbe zu verpassen? Das ist unwahrscheinlich, aber keineswegs unmöglich. Sicher sein kann man sich also nicht, es kann so oder so sein. Einer Sache wirklich sicher sein kann man sich aber nur, wenn alles andere ausgeschlossen, also völlig unmöglich ist.
Die Behauptung ist nun, das Priestertum hat viele Ähnlichkeiten übernommen. Es opfert, wie die alten Priester des jüdischen Gesetzes und trägt Gewänder wie die römischen Senatoren der alten Zeit. Also stammt es auch von beiden ab. Vom einen der Wurzel nach, vom anderen wegen der Nachahmungen, die man sehen kann.
Genau das stimmt aber eben nicht. Das Priestertum stammt seinem Dasein nach von nichts und niemandem ab, sondern ist ganz neu von Gott her und eine ganz neue Schöpfung. Wenn man auf Erden jetzt also einen Priester berührt, dann berührt man einen Menschen, der von der Erde und aus einer Familie ist. Man berührt aber zugleich etwas, das ganz frisch und ganz neu und unverbraucht ist; ganz nach der Art Gottes, der zugleich unendlich alt und unendlich jung ist.

 
Eine Anmerkung, die später mal ans Ende kommt, sofern ein Buch draus wird (kann übergangen werden): Es gibt übrigens in der Wissenschaft einen bekannten Streit. Wenn eins vom anderen stammt und nicht anders sein kann, dann nennt sich das Ursache mit notwendiger Wirkung. Weil Wirkung im Lateinischen “Causa” heißt, nennt man solche Verbindungen “notwendig kausal”. In der Entwicklung der neueren Wissenschaften hat man entdeckt, dass man in der Welt nicht immer von notwendigen Kausalitäten ausgehen kann. Wenn man nicht immer sagen kann, dass die Dinge notwendigerweise voneinander abhängen, dann kann man nie mit Sicherheit sagen, dass sie es tun. Man will aber mit Sicherheiten arbeiten, mit Unsicherheiten ist die Wisenaüschaft nicht zufrieden. Deshalb verzichten die modernen Wissenschaften ganz darauf, überhaupt irgendwelche Kausalitäten zu behaupten.
Dagegen gibt es Widerstände von Seiten derer, die an den alten Formen der Wissenschaft hängen. Aristoteles und Thomas hatten zum Beispiel ihre Gottesbeweise, die davon lebten, notwendige Kausalitäten zu behaupten. Wenn man irgendwo Bewegungen sähe, dann müsse man annehmen, es gebe irgendwo jemanden, der mit den ersten Bewegungen anfing. Der sei Gott. Verzichtet Man auf Kausalität, kann man diesen Beweis nicht mehr gebrauchen, weil nichts notwendig sein muss, wie vermutet wird. Manche Freunde der modernen Wissenschaften behaupten nun, Gott könne es also nicht geben. Was man nicht behaupten könne, das könne auch nicht sein. Dieser Schluss ist allerdings genau so töricht, wie der, dort auf Kausalität zu bestehen, wo es keine geben muss. Aber wie gesagt, es gibt einen ziemlichen Streit zur Frage, ob es Kausalitäten in der Welt gibt, und in jedem ernst zu nehmendem Streit kann man getrost einer Meinung sein. 

Der Mythos und das Opfer

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Ich bin nicht ganz sicher, ob man in einem Buch ohne Fremdwörter von Mythen reden kann, ohne zuerst den Begriff zu klären. Was Märchen sind, weiß jeder, was Sagen sind, sicher auch. Mythen haben mit beidem zu tun. Wie Märchen und Sagen erzählen auch die Mythen von alten Bildern, Vorstellungen, Fragen und Sehnsüchten, die im Menschen sind. Es gibt alte Bilder vom Durchgang durch den Tod zu neuem Leben. Es gibt alte Motive, die vom Verlorengehen und Wiedergewinnen der Liebe handeln. Es gibt solche, die vom Vertreiben aus dem Paradies erzählen und viele andere Bilder, die immer wieder ihre Geschichten finden. Solche Mythen finden sich immer schon bei den Menschen und ihren Erzählungen.

Als ich mit dem Studieren anfing, ging gerade eine Zeit zu Ende, in der sich bedeutende Gelehrte heftig gegen alles Mythische gewehrt hatten. Man hatte die mythischen Bilder aus dem Glauben entfernen wollen. Die Mythen standen vermutlich im Ruf, etwas an sich zu haben, was man nicht sicher genug ergreifen konnte. Der Glauben sollte wohl wieder mal in einer Art Aufklärungsbad gereinigt und nüchtern gemacht werden.
Mein Erinnern ist gerade nicht sonderlich präzise, aber ich glaube damals schon irgendwie gewusst zu haben, dass die Leute etwas Unmögliches versuchten. Man kann wohl die Mythen aus der Bibel schneiden oder unbeachtet lassen. Damit hat man sie aber nicht aus den Menschen genommen. Oberflächliche Leute denken schon mal, die Menschen würden an die Mythen glauben, weil sie in der Bibel stehen. Ich würde eher meinen, sie stehen in der Bibel, weil die Menschen schon immer an sie geglaubt haben. Mythen gehören zum Menschen und sind älter als die Geschichten, die sie erzählen. Wenn die Alten den Jungen erzählen, dann geben sie urmenschlichen Bildern Ausdruck.
Man kann einem Pferd das Zaumzeug vom Kopf nehmen. Dadurch wird es irgendwie ein freieres Pferd ohne die Last, die es vorher trug. Man kann ihm aber nicht den Kopf abschrauben, ohne dass es aufhört ein Pferd zu sein. Man könnte die Menschen nur dann von ihren Mythen befreien, wenn diese nicht zum Menschen gehören würden, wie ihre Natur und das lachen Können zum Beispiel. Die Menschen lachen nicht nur, weil sie Witze hören. Sie lachen auch, weil sie lachen möchten, und das aus ihrer tieferen Natur heraus. Man mag dem Menschen das Lustige und die Witze nehmen. Seinen Humor aber wird er behalten. So werden die Leute immer die selben Mythen haben, ganz gleich, ob man sie pflegt oder verachtet.

Wir stehen mit unseren Gedanken beim religiösen Opfern, und ich leite hier so lange ein, weil dem Opfergedanken etwas tief Mythisches anhaftet, das zum Menschen gehört.
Vermutlich gibt es grundsätzlich zwei Weisen des Opferns. Das eine geschieht, um ein Gegenüber gnädig zu stimmen, um ein Verhältnis mit ihm in Ordnung zu bringen, oder weil um eine Gabe gebeten werden soll. Der berühmte Sündenbock, der geopfert wurde, sollte die Gottheit zur Verzeihung veranlassen. Man brachte schon immer Opfer, um irgendwelchen Göttern zu schmeicheln oder um gute Ernten zu erbitten. Es ist an dieser Stelle nicht relevant, in wie weit es die Götter genauer gibt oder gab, oder auch nicht. Hier geht es um den mythischen Antrieb des Menschen.
Die zweite Weise der Opfer kommt aus einem ganz anderen Motiv. Sie geschieht aus Freude oder einer Art Dankbarkeit. Verliebte haben eine herrliche Lust, einander Geschenke zu machen, die irgendwie was kosten. Für einen frischen Bräutigam kann der Blumenstrauß nicht groß genug sein, den er seiner Angebeteten bringt. Als der heilige Thomas von einer Krankheit genesen war, lud er zum Dank an die heilige Agnes seine Studenten zum Essen ein. Auch das kann als eine Art Dankopfer angesehen werden.

Im Mythos vom heilen Paradies nun konnte es die erste Weise des Opferns nicht gegeben haben. Alles war noch in Ordnung, die Menschen wussten, die Zuneigung der Gottheit war ihnen sicher. Sie brauchten nichts herbei opfern. Keine Sünde trübte das Verhältnis zum Schöpfer, so war auch kein Sündenbock vonnöten. Alles war reine Gabe im Überfluss, es brauchte keine Opfer für gute Gaben und reiche Ernten. Einzig der reine Dank und der Baum der Erkenntnis waren Möglichkeiten, dem Herrn seine Zuneigung zu zeigen. Mit dem Baum der Erkenntnis war eine Art Gebot ausgesprochen: Es durfte nicht von ihm gegessen werden. Es war eine Ehrensache und eine Möglichkeit, hier zu tun und zu lassen, was der schöpferische, liebe Vater angeordnet hatte. Wie es auch eine Lust für kleine Kinder ist, zu tun, was die Eltern gesagt haben, nur weil sie es gesagt haben.
Später, nach der Sünde und der mythischen Vertreibung aus dem Paradies, eröffnete sich erst die andere Weise, Opfer darbringen zu können. Mit ihr ergab sich zugleich dieses Wechselspiel von „weiß nicht recht“ und „es muss sein“. Hier eröffnete sich mit dem Opfer die bange Ahnung, dass Gott solcherlei Opfer doch gar nicht nötig hatte, und dass man aber doch ein Bedürfnis danach verspürte. Mit dem Opferkult entstand also auch seine Krise und Kritik an ihm.
An dieser Stelle beendete das Opfer Christi ein für alle mal alles bittende Opfern. Mit seiner Tat eröffnete er wieder die Grundlagen des alten Paradieses. In diesem neuen Zustand gibt es keinen Grund mehr, sich die Gottheit gnädig zu stimmen, denn „nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“, wie Paulus schreibt. Die Verzeihung ist ein für alle Mal erledigt und das Himmelreich ist ebenfalls eröffnet. Es bleibt, wie im Paradies damals, einzig das Opfer des Lobes und des Dankes. So heißt denn auch das Opfer des Altares nurmehr „Eucharistia“, Danksagung.