Die Kirche und die Selbstverständlichkeiten der alten Philosophie

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Ich habe es schon angedeutet. Zum Lernen und aus Gründen der Allgemeinbildung versuche ich hier und da, mich auch in den neueren Philosophien umzusehen, auch wenn sie mir irgendwie keine Heimat bieten können. Als ich einmal darüber sprach, kam die logische und berechtigte Frage, wann denn die neuen Philosophien angefangen und wann die alten, meiner Ansicht nach, aufgehört haben. Das “meiner Ansicht nach” war wichtig, denn jeder scheint da seine eigenen Eckdaten zu haben, wenn er einteilt, ab wann etwas neu und ab wann etwas alt zu nennen sei.
Was mich persönlich angeht, kann ich sagen, dass ich eine Grenze schon in dem Nebensatz mit der Heimat angedeutet habe. Ich liege dort vor Anker, wo mir die Philosophie noch so etwas wie eine geistige Heimat in der Welt ermöglicht. Ich habe nämlich, und das ist wohlgemerkt, sehr persönlich gesprochen, immer irgendwie schon eine Sehnsucht nach Heimat verspürt; sozusagen nach einer Welt, in der die Dinge ihre Ordnung und ihren Platz haben. Heimat heißt in diesem Fall, dass die Dinge einem nicht fremd sind und nicht befremdlich werden, ich meine auch auf großer Fahrt. Kolumbus fuhr los, ganz neue Welten zu entdecken und wusste nicht, wohin ihn die Reise führen würde. Aber wenn er ein Mann der alten Philosophie war, dann hängte er sich auch im fernen Indien seine Hose immer irgendwie gleich über den Stuhl.
Ich bin zum Beispiel ein großer Fan der unbedingt stabilen Beziehung, wobei ich nichts meine, in was man unbedacht hineinspringen sollte. Auf die Dauer zeigt sich wohl aber, die Ziege heiratet stets den Bock und der Bock immer die Ziege. Aber es ist gut, und wohl der Spruch aus einer alten Philosophie, dass es sowohl den Böcken, als auch den Ziegen am wohlsten tut, wenn sie beieinander und auf ihrer Wiese bleiben. Die der Nachbarn scheinen zwar immer etwas grüner, aber wenn man erst rüber gesprungen ist, findet man, wieder auf die Dauer, doch nur dasselbe Zeug zum Fraße.
Vermutlich zeichnet sich die alte Philosophie dadurch aus, dass sie gottgläubig war. Damit meine ich jetzt erst einmal nur, dass man annahm, die ganze Welt habe einen schöpferischen Grund, aus dem sie kommt. Irgendwo wird alles verantwortet. Ob man sich mit Muselmanen oder mit den Juden unterhielt, alle glaubten ganz verschiedene Sachen von Gott und man konnte streiten wie die Kesselflicker. Aber niemand nahm an, es gäbe überhaupt keinen.
Man konnte die dicksten Bücher über alle möglichen, göttlichen Vorstellungen schreiben und die Freiheit der Wissenschaft war irgendwie viel freier als heute. Mir kommt es aber immer so vor, als hätten alle einen feinen Riecher für einen gemeinsamen Nenner gehabt: Ohne den letzten Grund für alles gibt es keine Wahrheit mehr, jedenfalls keine letzte, und an der hängt doch alles! Ohne den Schöpfer keine Wahrheit und ohne Wahrheit keine Heimat.
Meine Rede wird jetzt wie eine ziemliche, vor allem aber haltlose Spinnerei daher kommen. Ich würde aber mit großem Vergnügen ein ganzes Buch darüber schreiben. Das würde vermutlich zwar genau so eine chaotische Blumenpflückerei wie dieses hier (sofern es überhaupt eins wird), es sollte im Titel aber das Wort Heimat führen.

Ich wollte wieder auf die Kirche zu sprechen kommen, und die alte, jetzt katholische, Philosophie zeichnet sich gegenüber der neueren dadurch aus, dass sie, wie in Sachen Gott, der festen Meinung ist, dass die Welt unbedingt eine braucht. Das ist heute ganz anders. Man hat schon immer, früher wie heute, leidenschaftlich über die Kirche gestritten. Ein großer Unterschied scheint mir aber in einer Art Grundauffassung, in einer Art kirchlichem Lebensgefühl zu liegen: Früher stritt man über die Gestaltung von etwas Überlebenswichtigen, wie über die Frucht vom Baum des Lebens. Heute streitet man genau so leidenschaftlich über etwas, was eigentlich schon lange keiner mehr braucht, wie über einen überreifen Apfel, der ohnehin bald ins Gras plumpst.
Um bei den Bildern der alten und neuen Philosophie zu bleiben: Früher stand alles, und besonders die Gründung der Kirche, knietief in der Wahrheit des Schöpfers. Die Kirche war vor allem eine göttliche Gründung, das Ergebnis eines Beschlusses, der persönlich als die Wahrheit des Kosmos die Welt betreten und etwas für immer Bleibendes gestiftet hatte.
Bei Thomas, dem Meister der alten Bilder, besteht die Kirche so selbstverständlich aus drei Stockwerken, dass er kaum noch drüber reden brauchte. Die Kirche, das war vor allem das größte Stockwerk, der schon längst in der Seligkeit triumphierende Teil im Himmel. Im katholischen Lebensgefühl des heiligen Thomas kann es die Kirche auf Erden irgendwie nur geben, weil sie aus der himmlischen kommt. Heute kann man sein Leben in der Kirche verbringen, ohne dass einem jemand überhaupt einmal von der himmlischen erzählt.
Über Selbstverständlichkeiten spricht man nicht. Thomas bespricht wohl ausführlich, wie man das Gebet „Dein heiliger Engel möge dieses Opfer zu deinem himmlischen Altar emportragen“ verstehen könnte. Er bespricht aber nirgends, ob die Engel bei der Messe überhaupt dabei sind. Sie sind es einfach. Thomas spricht über die triumphierende Kirche mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie meine Großmutter über ihre Töpfe in der Küche. Niemand hätte je darüber diskutiert, ob sie welche besaß. Wir müssen uns ein Kapitel länger drüber unterhalten.